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Archive for the ‘privat’ Category

Erst dachte ich, ich hätte mal wieder die langsamste Kassiererin erwischt. Doch plötzlich überkam mich die Erkenntnis, überraschend, unerwartet und schwerwiegend wie eine Steuernachforderung: Das hier muss die Entschleunigungs-Kasse sein! In Zeiten von Expresskassen, Selbstscannerkassen und Kartenzahlungskassen war dies kein allzu weit hergeholter Gedanke.

Wehrlos geriet ich in eine Art Trance, wie bei einer rückwärts auf Tranquilizern gesehenen, langen „Twin-Peaks“-Nacht. Die Frau an der Kasse bewegte sich so langsam und kontemplativ, mit fast artistischer Körperbeherrschung, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn sie mir am Ende pantomimisch eine Blume gepflückt und ins Haar gewoben hätte.

Um mich herum verschwand der Rest des Gartencenters hinter einem tiefen Schleier aus wattiger Bedeutungslosigkeit. Die Göttin der Entschleunigungskasse lächelte mich in allwissender Gelangweiltheit an, die Uhr schmolz mir von Handgelenk. Ich begann den Einkaufswagen traumversunken zu liebkosen und ließ mich unendlich langsam in ein sich lüstern darbietendes Loch im Zeit-Raum-Kontinuum gleiten.

Wir erstarrten in einem perfekten Moment von Kassenschlangen-Stillstand, es ging nichts mehr voran. Ich wollte nichts mehr, nicht zahlen, nicht nach Hause, nicht mal sterben.

Die Entschleunigungskasse hatte mich reich beschenkt mit dem vollkommenen Glück zeitloser Konsumstarre und Einkaufsleere. Bis die Kassierin mich mit den vereinbarten Worten „Sammeln sie Punkte?“ aus der Trance weckte und zurück in meinen rasenden Alltag entließ. Ich wusste sofort: Ich würde wiederkommen.

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Auf der Gedankenflucht

Blogger zu sein ist eine komische Existenzform. Heute zum Beispiel. Keine Zeit, Zeitung zu lesen, keine Zeit für TV oder Internet. Also null Input, nur Trubel um mich herum. Aber hier welterklärerisch und aktuell einen auf dicke Eier machen…

Eigentlich müsste man Passanten fragen, ob was wichtiges passiert ist: Guttenberg in der Badewanne aufgefunden, Westerwelle zurückgetreten, die Odenwaldschule einbetoniert oder Griechenland von den Chinesen aufgekauft.

Natürlich kann der chronische Blogger sich auch in die gnadenlose Ausbeutung des Privaten flüchten: Abgebrochene Fingernägel, prämenstruelle Lebensabschnittsgefährtinnen, nervige Telefonwerbung oder das aufdringlich Sprießen hyperaktiver Krokusse. Verwerfliche Nabelschau, eitle Naturbetrachtung, praktisch Blumfeld als Blog.

Aber nein, das wäre dem Leser gegenüber unredlich, hier muss es um die relevanten Themen gehen: Ich komm heut nicht zum Bloggen. Das wollte ich nur mal eben gesagt haben.

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Unser Kühlschrank hält sich neuerdings für ein Didgeridoo. Er brummt und mag es nicht mehr so kalt. Spätestens, wenn der Besuch in der Wohnküche anfängt, zu schreien, um verstanden zu werden, und ängstlich zum Kühlschrank blickt, ob das Ding gleich explodiert, muss gehandelt werden.

Im Sinne einer möglichst schnellen Problembeseitigung war ich dann mal wieder in der Hölle, also im Elektroladen von Mario Barth. Der hat zwar keine Pointen, aber dafür Haushaltsgeräte. Der Barth. Was soll ich sagen? Ich habe mich umgehend in eine Kühlgefrierkombi verliebt, ungefähr so pragmatisch wie seinerzeit Angela Merkel in Guido Westerwelle.

Auf dem Gerät steht Siemens drauf und es ist so groß und geheimnisvoll glänzend, dass wir künftig zu Hause jederzeit diese Szene aus „Odyssee im Weltall“ nachspielen können, wo die Vorzeitmenschen den Monolithen umtanzen und vorsichtig berühren. Das Ganze natürlich stromsparend und mit einem Fassungsvolumen, dass man ihn geradezu untervermieten möchte. Fettes Teil, ein Überkühlschrank, ein Mahnmal der Zivilisation.

Und dann sagt der Verkäufer (leicht berlinernd, als hätten sie das alle extra beigebracht bekommen): Wenn ich den kaufen wolle, dann müsse ich mir aber noch Produkte im Wert von 100 Euro aussuchen, um sie mir dazu schenken zu lassen. Ich bin durch den Laden gewankt und habe mich für ein Waffeleisen und einen Kopfhörer entschieden.

Und mich dabei betrogen gefühlt. Der Kühlschrank muss mindestens 100 Euro zu teuer gewesen sein, sagte mir mein Verstand. Aber der sadistische Komikerladen wollte unbedingt, dass ich einmal verwirrt durch die Regale tapere und mich beschenkt fühle. Dabei fühlte ich mich benutzt.

Daheim hab ich dann den Preis recherchiert und festgestellt: Glück gehabt! Dass wir den Kopfhörer und das Waffeleisen auch wirklich gebraucht haben. Unterm Strich war die Summe durchaus in Ordnung, es bleibt nur das klebrige Gefühl, von Mario Barth zur Witzfigur gemacht worden zu sein.

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Sturmkopf

Ich liege mit Fieber auf dem Sofa und draußen wütet der Orkan. Das führt in meinem Matschhirn zu einer seltsamen Zwangsbeschäftigung: Seit Stunden denke ich unwillkürlich darüber nach, welche Zeilen aus Jakob van Hoddis´ expressionistischen Gedicht „Weltende“ sich mit Gewinn aktualisieren ließen. Das hier ist der Zwischenstand, den ich natürlich mit meinen Lesern teile. Vorsicht, nicht anstecken!

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der iPod
In allen Lüften hallt HartzIV-Geschrei
Webserver stürzen ab und gehn entzwei
Und in der Krise – liest man – steigt die Wut

Der Sturm ist da, die wilden Guidos hupfen
ins Bild um dünne Bretter zu durchbohren
Die meisten Menschen haben keine Schweinegrippe
Die Bobathleten fahr´n und sind verloren

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Sofas Welt

Wer mal richtig schräg draufkommen will, aber keine Drogen zur Hand hat, dem empfehle ich einfach den Sofakauf im Möbelhaus. Allein diese Luft! Eine Mischung aus Kunststoff, Leder und 4711 mit dem leichten Hauch gebrannter Mandel im Abgang. Dazu dann Teenager, die ausprobieren, ob man auf der Sitzlandschaft gut knutschen kann. So, dass man ihnen zurufen möchte: Wenn ihr poppen wollt, dann geht doch bitte in die Bettenabteilung!

Sehr en vogue sind zurzeit diese Riesensofas, mit so tiefen Sitzflächen, dass man mit den Füßen nicht mehr auf den Boden kommt, eine Infantilisierung sondergleichen. Daneben dann Couch-Objekte, denen so viel Design eingepreist ist, dass man dafür das mittlere Jahresgehalt eines umgeschulten Webdesigners hinblättern soll.

Dazwischen zur Belustigung des Personals immer mal wieder ein Sitzsack. In dem regelmäßig Kunden hängen bleiben, weil man sich beim Aufstehen nirgends abstützen kann. Und dann muss man über diese gefürchtete Kombitechnik aus Purzelbaum und stabiler Seitenlage versuchen, wieder in den Stand zu kommen.

Im Ausstellungsbereich mit den Fernsehsesseln haben sich verlassene Familienväter der Altersklasse 50+ eingenistet, die mit mutwillig herbeigeführten Schlummerattacken schnurchelnd das Material einer harten Belastungsprobe unterziehen. Ansonsten überall Glas, Chrom und der zeitgemäße Ausbund von Unpflegbarkeit: die sogenannte Klavierlackoptik. So dass man sich vornimmt, bei nächsten Mal gleich die Putzfrau ins Möbelhaus mitzunehmen, damit sie aus der fachlichen Perspektive ihres häuslichen Aufgabenbereichs heraus kommentieren kann: „Joiii! Ist sich sähr wänig pfägeleichtäs Oberflächä!“.

Wenn man dann nach gemessenen zweieinhalb Stunden und gefühlten 3 Jahren den Megamonstermöbelmarkt verlässt, hat man die Taschen voller Visitenkarten von Verkäufern, die sich einem vorgestellt haben, um dann für immer zu verschwinden. Und im Kopf diese herrliche Leere, die irgendwie danach schreit, eingerichtet zu werden. Muss aber nicht.

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Winterwahn

Ganz schön winterlich. Diese Woche war es so kalt, dass ich einen Bofrost-Mann gesehen habe, der zum Aufwärmen mal eben kurz hinten in seinen Wagen gestiegen ist.

Heute hab ich die drei Meter von der Straße zur Haustür freigeschaufelt und schon 30 Minuten später war alles wieder weiß. Sisyphos on Ice. Fast so aussichtslos wie der Versuch, die Biotonne zu begrünen, was ja nie klappen kann, weil sie ja immer, wenn es zu sprießen beginnt, schon wieder geleert wird.

Auf dem Weg zur Biotonne müsste man derzeit unbedingt festes Schuhwerk tragen, wenn nicht gar Spikes. Weil ich dazu aber immer zu faul bin, schlittere ich in Hausschuhen dort hin, in einer wilden Kür ohne Musik, aber mit Abfall in den Händen. Ich bin die Katherina Witt des Müllrausbringens. Nicht so elegant, aber dafür mit den besseren Flüchen auf den Lippen. Immer befürchtend, dass mein Nachbar draußen steht und dann eine Punktetafel hochhält.

Nieselregen und Matsch, das wär es jetzt! Dieses Jahr ist der Winter so streng, als hätten wir was ausgefressen. Irgendwie alttestamentarisch strafend. Man möchte sich fast schon auf den letzten Drücker Winterspeck anfuttern und erwischt sich regelmäßig, wie man gedankenversunken am Wegesrand in die Meisenknödel beißt. Und nicht vergessen: Wenn ihr einen Bofrost-Mann seht, müsst ihr ihn berühren, das bringt Glück und Frühling.

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Nachttischtraumata

Mein Radiowecker spinnt. Eigentlich war er immer schon etwas eigen. Beispielsweise hat er sich trotz seiner fachlichen Qualifikation als Funkwecker immer geweigert, den Wechsel zwischen Winter- und Sommerzeit mitzumachen. Wahrscheinlich aus politisch-moralisch-weltanschaulichen Gründen. Jetzt weckt er nicht mehr. Programmieren lässt er sich noch, aber dann veralzheimert er den Termin und freut sich still, wie ich neben ihm schlummere.

Im Internet hab ich mich auf die Suche nach seinem Nachfolger gemacht und ich kann nur sagen: Es ist ein Graus. Die eine Hälfte der Geräte sieht aus, als hätte man eine 80er-digital-Armbanduhr mit der Raumstation MIR gekreuzt. Die andere Hälfte ist schick, aber unbrauchbar. Wenn man da mal in den Kundenmeinungen rumsurft, bietet sich ein Bild des Elends:

Wecker, die so hell leuchten, dass man nicht mehr schlafen kann. Wecker, bei denen man den Alarm-Stopp-Knopf ohne Kompass und Karte nicht findet. Wecker, die bei jedem Tastendruck laut piepsen (praktisch, wenn man sie programmiert, während der Partner noch schläft. Oder besser: Schlief.). Wecker, die die Uhrzeit so an die Decke projizieren, dass man sich beim Hingucken den Hals verrenkt. Und dann natürlich die Wecker, die brummen, zu leise klingeln, oder Batterien fressen wie das Krümelmonster Kekse.

Am Wecker sieht man, dass der Markt alleine nicht in der Lage ist, irgendwas zu regeln. Wecker sind menschliches Versagen in komprimiertester Hightech-Form. Wecker sind das Stiefkind der Designer, der Offenbarungseid der Techniker und ein Zeichen der Zeit. Ich fordere das Menschenrecht auf einen schönen, bedienbaren, wohlklingenden und zuverlässigen Wecker. Aber wenn es den irgendwo gibt, dann stinkt er wahrscheinlich bestialisch.

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