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Archive for the ‘Alltag’ Category

Also diese Frau Holle ist ja echt eine launische Schlampe. Heute haben wir den dritten Advent und draußen ist alles graugrüner Matsch. Da sind wir hier zwei Wochen durch die Arktis geschlittert und dann ist am 24. wahrscheinlich doch wieder nur dieser optisch und emotional völlig unterspannte Larifari-Winter.

Soviel „Schneeflöckchen“ kannste gar nicht singen, dass es dir dabei weihnachtlich ums Herz wird. Dafür muss man wieder stundenlang auf dem Weihnachtsmarkt im Nieselregen stehen und sich dieses meteorologische Drama mühevoll schönsaufen. Und ich hab noch keine Geschenke. Wie wäre es mit Kunstschnee?

Vielleicht sollte man das Fest aber auch einfach etwas umgestalten: Der Weihnachtsmann kommt nicht auf dem Schlitten, sondern im Schlauchboot. Ohne Rentiere, aber von Seepferdchen gezogen. Und ins Haus gelangt er dann nicht durch den Kamin, sondern er steigt mit dem Grundwasser von unten in den Keller. Das ist die gute Nachricht: Wenn überall so viel Wasser in der Nähe ist, können wenigstens mal wieder echte Kerzen an den Baum!

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Computerspiele können Kunst sein. Und Kunst kann den Betrachter gezielt vor moralische Herausforderungen stellen, ihn auch in ethische Fallen tappen lassen. Wenn Kunst nur der Unterhaltung und Entspannung diente, hieße sie nicht Kunst, sondern Feierabendbier.

Wenn jetzt ein Student der Karlsruher Hochschule für Gestaltung ein Spiel veröffentlicht, das im Todesstreifen der innerdeutschen Grenze des Jahres 1976 spielt, über Monate hinweg von seinem Professor begleitet wurde und keinen kommerziellen Zweck verfolgt – dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Auch wenn es weh tut. Daraus kann man lernen, das ist die alte Sache mit der Herdplatte.

Die Spieler des Games können auf Flüchtlinge schießen, aber damit nicht gewinnen. Sie können sich auch mit den Flüchtlingen verbünden, sie können vom Grenzer zum Flüchtling werden. Oder als Angeklagter beim Mauerschützenprozess enden. Ein Spaß ist das nicht, die Ballerspielcharts wird es so nicht anführen können. Das Spiel ist im aufklärerischsten Sinne pervers und so schizophren wie die deutsche Geschichte.

Der empörte Aufschrei von Politikern und Boulevardpresse ist so nachvollziehbar wie dumm. Jedes Kreuzigungsgemälde der letzten 2000 Jahre war genau so provokativ, unnötig und aber doch erkenntnisfördnernd. Das Spiel heißt übrigens „1378 km“. Ich würde es gerne kaufen. Und ungern spielen.

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Am laufenden Band

Das ist doch immer wieder ein herrliches Spiel, an der Supermarktkasse zu schauen, was die Leute vor dir so auf dem Band liegen haben. Heute zum Beispiel die Oma mit dem lustigen Hütchen: drei Flaschen Schampus und zwei Grablichter. Man ahnt, was es da zu feiern geben könnte.

Wenn ein Teenager vor mir steht, der einen Alkopop namens „Sex on the Beach“ sowie eine Packung Kondome dabei hat, dann ist das einfach. Aber was hat wohl jemand vor, der eine Dose Bohneneintopf, ein Feuerzeug und ein Raumspray mitnimmt? Wer mag es wohl sein, der Nikotinoflaster und ne Flasche Buerlecithin kauft? Ach so: wahrscheinlich Johannes Heesters.

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In Berlin ist die Reichstagskuppel für Besucher gesperrt. Ich bin nicht ganz sicher, zu wessen Schutz. Der Besucher, der Parlamentarier oder der Kuppel. „Terror“ ist das meistgedruckte und getippte Wort dieser Tage, Experten rechnen aus, dass die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, größer ist als die, vom Islamisten erwischt zu werden. Es sei denn, du läufst bei Gewitter mit einer Mohammed-Karikatur durch Kreuzberg.

Bald diskutieren wir über ein Vermummungsverbot für Weihnachtsmänner und den Einsatz der Bundeswehr im Wohnzimmerinneren. Fast ist man geneigt zu denken: Wenn da demnächst kein Anschlag passiert, ist die Politik in Erklärungsnot. So gesehen wäre ein Attentat fast schon eine vertrauensbildende Maßnahme. Es gibt Zynismus, der ansteckend ist. Hässlich, grade in der Vorweihnachtszeit.

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In Essen haben jetzt die ersten „Google-Fans“ verpixelte Häuser mit rohen Eiern beworfen und Zettel mit der Aufschrift „Google ist cool“ hinterlassen. Jetzt gibt es also schon Google-Fans. Wahrscheinlich hängen die sich zu Hause Suchergebnisse an die Wand und wollen den Such-Button heiraten, am besten mit den Worten „auf gut Glück!“ Was hohle Kürbisköpfe für Halloween, sind Google-Fans für den gläsernen Bürger. Aber kein Wunder, selbst Massenmörder haben irgendwelche Fans.

Am tollsten find ich die Pixelästheten, die unkenntlich gemachte Fassaden jetzt lautstark als Beleidigung für ihr Auge empfinden. Wie der Kommentator, der sich neulich auf n-tv aufgeregt hat, dass Häuser doch an Wert verlieren, wenn man sie nicht online anschauen kann – als wären alle Immobilienanzeigen gleich mit verpixelt.

Ich will doch bloß nicht, dass eine hochkommerzielle Datenkrake wie Google ohne Erlaubnis mit meinen Gardinen Geld verdient. Wenn irgendwelche Deppen meinen, sie müssten sie trotzdem knipsen und ins Netz stellen, ändert das nichts. Hätte ich die Anschrift der Deppen, würde ich mich auch bei ihnen beschweren. Nicht wegen meiner Privatsphäre, sondern wegen ihrem Googlegroupietum.

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I did it!

Was für ein Nachmittag! Ich habe 3500 E-Mails von Thunderbird nach Outlook2010 überführt. Das ist, für die Älteren erklärt, als ob man für 1000 Reichsmark Grammophonnadeln kauft und diese einzeln mit der Draisine in die ostafrikanischen Kolonien transportiert.

Und das Schlimmste ist dabei ist immer diese Angst, dass jeden Moment ein Apple-User um die Ecke gesprungen kommt und feixend „Mein Rechner macht das auf einen Knopfdruck und sieht dabei auch noch viel schöner aus!“ ruft.

Dafür, dass E-Mails immateriell sind, kann man ganz schön lange auf sie warten und hat auch jede Menge Schweißperlen auf der Stirn. Vor allem, wenn Frau Honigbrot darauf hinweist, dass mindestens 3457 davon einen hohen emotionalen Wert haben. Wenn da was im digitalen Nirwana verschwindet, bin ich ein toter Mann. Das ist ja das Unheimliche: Ein falscher Klick und du bist in der Beziehungshölle.

Ich habe Glück gehabt. Ich war nur in der Datentransferhölle. Manchmal lastet auch das papierlosteste Büro schwerer auf deinen Schultern als ein Zehnerpack Brockhauses, oder wie immer da der Plural heißen mag. So. Feierabend.

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Das Schlimmste an Halloween sind ja die Mütter. Es klingelt, du öffnest die Tür, vor dir steht ein als Zombie verkleidetes Kind und guckt dich ängstlich an. Zwei Meter hinter ihm schaut die Mutter strahlend um die Hausecke und feuert den Nachwuchs an: „Ja, geh hin, mach dem Mann richtig Angst, dann kriegst du auch Bonbons!“.

Was in den 80ern die Tennismütter waren, sind heute die Halloweenmütter. Der reinste Horror. Und nachher kann RTL dann wieder berichten, wie Kinder für Bonbons jedem Schänder hinterherlaufen.

Der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Phillipp H. Mißfelder (das „H“ steht für die Hüftgelenke, die er vor Jahren mal den Senioren nicht gönnen wollte) findet es schlimm, wie Halloween den Reformationstag und Allerheiligen aus dem Bewusstsein verdrängen. Halblang! Bei uns war in den Zeiten vor Halloween Allerheiligen auch nur der Tag, an dem das Einkaufszentrum im wenigen Kilometer entfernten Nachbarbundesland offen hatte.

Und den Reformationstag würde auch keiner kennen, wenn die Protestanten nicht als Halloween-Abwehr neuerdings Lutherbonbons verteilen würden. Ohne Halloween wüssten wir gar nicht, was wir nicht vermissen. Darauf einen Kürbis.

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