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Archive for 13. September 2010

Die Postdepression

Manchmal muss man ja auf die Post. Die für mich zuständige Filiale ist so organisiert, dass sie eigentlich am Eingang eine Hinweistafel haben sollte: “Wanderer, kommst du an diesen Schalter – lass alle Hoffnung fahren!”

Man muss nämlich immer doppelt so viel Zeit mitbringen, wie man Post dabei hat. Weil die Crew die Ruhe weg hat. Stellen Sie sich einfach alles vor, was einen Formel-Eins-Boxenstopp ausmacht. Und dann lassen sie es weg. Manchmal stehen die Kunden bis auf die Straße raus, machen minütlich fassungslos Uhrenvergleich und rufen den Pizzaservice an.

Heute lief Musik. So labberige Fahrstuhl-Möbelhaus-Musik, dass ich mich schon gefragt hab, wessen Handy hier klingelt. Aber die Klänge kamen aus Lautsprechern an der Wand. Und hatten stark sedierenden Charakter, so dass ich sofort dachte: “Aha, jetzt setzten sie gezielt Deeskalationsmucke ein!”

20 Minuten später war mir klar, dass es sich um telefonunabhängige Warteschlangenmusik gehandelt hat. Hätte eine Stimme “Bitte bleiben sie in der Schlange!” gesagt, ich hätte mich nicht gewundert.

Die Kundin vor mir gibt ein Paket auf und der Thekenblitz in Dunkelblau sagt: “Macht 12 Euro”. Sie: “Äh, ich dachte, 6,90!?!”. Er: “Ach, hm, ja, stimmt, da hab ich mich geirrt!” Ich schwöre, so war es. Die können nicht einmal ihre eigenen Preise. Das sind so die Momente, wo man sich dabei erwischt, zu denken: “Wo kann ich unterschreiben, damit du wegrationalisiert wirst?” Leute, von denen man hofft, ein Automat könnte sie ersetzen – das ist das Schlimmste.

Ohne die Musik hätte es heute sicher ein Blutbad in der Post gegeben. So legte sich bloß eine komatöse Lethargie über die angrenzenden Straßenzüge, mit der Filiale als bleiernem Epizentrum des Nichts. Wenn in Deutschland irgendwo Intelligenz versickert, dann in erster Linie beim Postaufgeben.

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