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Archive for 26. August 2010

„Das arme Huhn“, jammert Frau Honigbrot seit zwei Tagen. Das kommt halt davon, wenn man halbwegs ländlich wohnt. Vor unserem Haus dackelt stolziert ein Huhn herum, keiner weiß, wo es herkommt oder hingehört. Es guckt. Und ist einfach da. „Aber es will doch bestimmt nach Hause“, sagt Frau Honigbrot. Ich antworte: „Da wo es rausgekommen ist, findet es auch wieder rein, wenn es will! Und wenn wir es zum nächstbesten Bauer bringen, wird der sagen: Ach, prima, das wollte ich eh grad schlachten!“

Aber vorhin saß es plötzlich auf meinem Auto. Ich habe einen empfindlichen Lack. Also sind wir zum Bauer am Ende der Straße. Die Dämmerung setzt ein, kein Mensch ist im Hof, aber die Haustür steht auf. Ich denke: So fangen immer die Filme beim „Aktenzeichen XY“ an. Und am Ende heißt es, dass ein Kabarettist vermisst wird.

Vorsichtig rufe ich „Hallo“. Der Agrarökonom schält sich aus dem Dunkel und trägt einen grünen Blaumann. Nein, sie hätten schon lange keine Hühner mehr, weil sie die immer nur aus Versehen mit dem Pflanzenschutzmittel vergiftet hätten. Das Huhn müsse wohl dem Haus gegenüber gehören, dem mit dem unordentlichen Garten. Und schönen Abend noch.

Wieder daheim stelle ich fest: Der gefiederte Lackkiller sitzt immer noch auf meinem Pkw. Da hört der Spaß auf! Ich stelle mich neben das Vieh. Es macht keine Anstalten, zu fliehen. Ich stupse es mit der Fingerspitze an. Ist ihm egal. Und da überkommt mich wahrer Heldenmut, ich wachse über den Städter in mir hinaus und packe das Huhn mit zwei Händen. Es schlägt einmal mit den Flügeln und dann lässt es sich friedlich tragen. Fast meint man, es hätte Spaß dran.

Ich steuere auf das Haus mit dem unordentlichen Garten zu, das Huhn bleibt neutral, hat zu diesem Vorgang keine erkennbare Meinung. Im Haus kein Licht, da ist niemand. Ich werfe das Huhn über den Zaun. Da hat es Gras und Holz und einen Zaun drum herum. Es sieht fast aus, als würde es da hingehören, passt schon. Von mir aus könnte es da bleiben. Es sei denn, morgen wird es wieder jemand anderem in den Vorgarten geworfen.

Ist so nicht das ganze Leben? Man wirft uns über Zäune, bis wir irgendwo bleiben dürfen. Und dann gibt es Chicken Nuggets. Übrigens: Hühnertragen macht Spaß, vor allem wenn man sie semikriminell im Halbdunkel von Grundstück zu Grundstück umtopft. Ich glaube, ich habe ein neues Hobby. Morgen werde ich versuchen, es zu hypnotisieren.

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