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Archive for Juli 2010

Passt!

Ich lebe seit über 10 Jahren mit einer Erzieherin zusammen. Das ist sehr praktisch. Man lernt so viel. Ich kann inzwischen „die Uhr“, „den Schlupf“ und meine Zahnbürste von anderen unterscheiden.

Sie begleitet mich hoch professionell durch den Alltag, zum Beispiel mit Sätzen wie „Wollen wir jetzt mal zusammen das Geschirr abspülen?“ Vorgetragen im selben Tonfall wie „Wollen wir jetzt mal zusammen das Türchen mit der 24 aufmachen?“ Und wenn ich dann mit „Nein“ antworte, sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich kann auch deine Mutter anrufen und dich abholen lassen!“

Weihnachten heißt bei uns „Elternabend“. Da informiert sie meine Familie über das zurückliegende Jahr: „Also, der Frederic hat schöne Fortschritte gemacht in Sachen Reinlichkeit. Aber er ist etwas vorlaut. Und wenn er Witze macht, fangen die anderen Kinder an zu weinen.“ Und dabei hab ich noch Glück gehabt, denn ich muss immerhin keine Geschenke basteln. Und ich bin in Einzelbetreuung, was will man mehr.

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Dass in Deutschland Hunderte skandierend vor einem Rathaus stehen und den Rücktritt ihres Oberbürgermeisters fordern, ist ein schönes Stück politischen Bürgerengagements. Dass dafür erst 21 Menschen sterben mussten, ist natürlich bitter.

OB Sauerland will nicht zurücktreten, weil er ja „nichts unterschrieben“ habe in Sachen Love-Parade. Außerdem will er nicht, dass es wie ein Eingeständnis aussieht, als hätte er die 21 Toten auf sich genommen. Irgendjemand hätte ihm vielleicht mal den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung erklären sollen. Aber das macht wohl kaum Sinn bei jemandem, der mit „nix unterschrieben“ argumentiert, als ginge es darum, ein Zeitschriften-Abo los zu werden.

Am Samstag kommt die Kanzlerin zur Trauerfeier. Sauerland nicht, um einen Eklat zu vermeiden. Er ist das Phantom der Trauer. Hoffentlich gelingt es Merkel vor Ort, hinter den Kulissen mit ein, zwei Blutgrätschen den überfälligen Rücktritt ihres Parteifreundes herbeizuführen. Zumal ja immer lauter gemunkelt wird, der trete nicht zurück, um seine Pensionsansprüche nicht zu verlieren. Wenn da was dran ist, sollten die Duisburger Bürger das Rathaus stürmen, denn: Adolfs müssen bewältigt werden.

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Aktion saubere Bank

Die US-Bank Goldman Sachs greift durch, zieht Konsequenzen und stellt ihr Geschäftsgebaren auf eine ganz neue Basis. Zumindest was die Flüche angeht. Mit dem Geld machen sie wahrscheinlich weiter wie bisher.

Aber die Mitarbeiter dürfen in den geschäftlichen Mails über schmutzige Geschäfte keine schmutzigen Wörter mehr in den Mund nehmen. Den kriegen sie jetzt digital mit Seife ausgewaschen, die Mails werden automatisch gefiltert und reklamiert. Im letzten Jahr hatten Mitarbeiter dubiose Transaktionen ihrer Firma noch schriftlich als „shitty deal“, also beschissenes Geschäft bezeichnet. Das geht jetzt so nicht mehr. Um den Schimpfwortfilter zu umgehen, müssten sie vermutlich „fäkal touchiertes Geschäft“ schreiben.

Die Chefs von Goldman Sachs dürfen dann auch nicht mehr als „Arschlöcher“ beschrieben werden, sondern höchstens noch als „wirbelsäulenabschließende Entsorgungsöffnung“. Die Kunden sind keiner „Wichser“ mehr, sondern bloß noch „Selbsthandanleger“, manchmal auch nur Selbsthandkleinanleger. Und die Geschäftspolitik ist dann auch nicht mehr zum „kotzen“, sondern höchstens noch zum „noch mal durch den Kopf gehen lassen“. So sorgt die Finanzkrise wenigstens für ein gutes Stück mehr sprachlicher Fantasie.

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Die rechtsextreme Szene fordert zurzeit ihre völkischen Frauen und Mädchen, um nicht zu sagen Weiber und Maiden auf, verstärkt erzieherische Berufe anzustreben. Also nicht wundern, wenn demnächst die Krabbelgruppe zum Fackelzug wird oder die lieben Kleinen rassekundliche Malbögen mitbringen.

Die Nazösen sollen jetzt also ganz nah ran ans Kind und da mal richtig auf die braune Kacke hauen. Das ist die Unterwanderung des Spielplatzes. Wenn die Erzieherin also aussieht, wie frisch vom Bund deutscher Mädel und beginnt, die Turnbeutel nach arisch und nichtarisch zu sortieren, wenn Hans sich auf das Stühlchen mit der Aufschrift „Herrenrasse“ setzen darf und Ali plötzlich nur noch Arbeitsdienste hat, dann wird es Zeit für subversive Kinderinfiltration a la „Der Führer hatte nur ein Ei“.

Das Ganze passt übrigens auch zum Trend, dass Rechte sich immer mehr als Elternvertreter einbringen. So wird der Neonazi auf eine erschreckend neue Weise zum Bildungsproblem.

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Hörerwahn

Manchmal will ich fast schon die gute alte Telekom zurück. Zum Beispiel gestern. Da klappte bei einem neu angeschlossenen Telefon die Rufnummernübertragung nicht. Also die Service-Line des Kabelanbieters gesprochen und erfahren, das läge nicht an mir, sondern an der Konfiguration der Fritz-Box. Früher hat´s das nicht gegeben, da kam das Telefon aus der Wand und fertig.

Jedenfalls bekam ich eine Nummer, unter der ich mich von einem weiteren Mitarbeiter der selben Firma kostenpflichtig bei der Konfiguration beraten lassen sollte. Hat es früher auch nicht gegeben, da war „Konfiguration“ die Entscheidung, welche Farbe das Telefon haben soll.

Ich jedenfalls angerufen, 99 Cent die Minute. Der Berater ist erstaunlich kostenbewusst, redet also schnell und scheucht mich durch die diversen Menüs meiner Hardware. Da klingelt mein Handy. Ich hab keine Zeit und drück den Anrufer weg, wer immer das gewesen sein mag. Da klingelt irgendwo im Haus das zweite Festnetz-Mobilteil. Frau Honigbrot kommt damit ins Büro und ich zische sie mit einem beziehungsgefährdenden „Jetzt nicht!“ aus dem Zimmer.

Zwei Sekunden später steht sie wieder vor mir und sagt: „Es ist jemand wegen dem Telefon, er sagt, es sei dringend“. Ich sage zu meinem 99-Cent-Typen: „Moment, da ruft mich grade ein Kollege von ihnen an!“, halte mir den zweiten Hörer ans andere Ohr und habe da den Herren aus dem ersten Gespräch.

„Das ist etwas absurd“, sage ich, „ich rede grade mit der Nummer, an die sie mich verwiesen haben!“ Er: „Da können sie praktisch sofort auflegen“. Ich zum anderen Hörer: „Man sagt mir grade, ich soll nicht weiter mit ihnen sprechen, guten Tag!“ Und aufgelegt. „Ja“, meint der verbleibende Herr, „der Fehler liegt bei uns und wird behoben. Haben sie lange mit der Hotline gesprochen?“ Für die 5 Minuten verspricht er mir eine Gutschrift.

Diesen Moment werde ich nie vergessen, wie ich mit meinem Kopf zwischen zwei konkurrierenden Beratungsansätzen ein und der selben Firma hing. So ähnlich müssen sich Zeitreisende fühlen. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt noch Dienstleistung, oder vielleicht schon Wahnsinn war, vermutlich eine Art Borderline-Service. Und jetzt die Schlusspointe: Diese Schizo-Firma heißt ausgerechnet „Unity-Media“.

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In Duisburg machen die Zuständigen erste Übungsversuche in Richtung Verantwortung. Das ist gut, denn Verantwortung ist ein Muskel, der trainiert werden will, und sei es von McFit.

Die große Frage lautet auch heute noch, wie es sein kann, dass auf dem Gelände offiziell Platz für 250000 Menschen war, die Veranstalter aber am Tag der Parade stolz von 1,4 Millionen Besuchern berichteten. Das klingt ja fast wie der schlechte Witz, in dem der Sicherheitsexperte verkündet, das Areal sei auslegt für eine Million und ein paar Zerquetschte. Eine zynische Pointe, aber im Sinne der Wahrheitsfindung.

Dass dann aber auch noch direkt am Tag eins nach dem Drama die Autobahnbeauftragte Eva Herman aus der Gruft ihrer neo-konservativ-urchristlichen Märtyrerinnengrotte gekrochen kommt, die Love Parade als einen von den 68ern erst möglich gemachten Sündenpfuhl bezeichnet und die Todesfälle als mögliche Strafe Gottes – das ist Zynismus ohne Pointe aber mit Hohlkreuz.

Gerne hätte sie die Friedfertigkeit und Partyhaftigkeit einer drogendurchseuchten Nackttanzsause diskutieren dürfen. Aber ein paar Tage nächstenliebenden Schweigens hätte es dafür schon gebraucht. So muss sie aufpassen, dass man sie beim nächsten Karneval nicht gemeinsam mit Bischof Mixa auf einen „die 68er sind an allem Schuld“-Motivwagen bindet und zur Steinigung freigibt.

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1.) Vorhin waren im Fernsehen muskulöse Männer zu sehen, die Händchen hielten und Schampus getrunken haben. Das waren keine Bilder vom CSD, das waren die letzten hundert Kilometer der Tour de France.

2.) Zsa Zsa Gabor liegt nicht im Koma. Das ist bloß der Schock, weil der behandelnde Arzt ihr tatsächliches Alter aus der Krankenakte vorgelesen hat.

3.) Auf der DRK-Sanitätsstation des Münchner Oktoberfests hat das Gesundheitsamt unsachgemäß gepflegte Instrumente und rostige Scheren gefunden – deshalb hier noch einmal die Feststellung: Alkohol desinfiziert nicht alles, wenn man nur genug davon trinkt!

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