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Archive for Oktober 2009

Es sah ein bisschen aus, wie wenn Muddi ihren Sohnemann höchstpersönlich zur ersten Tanzstunde bringt, als Merkel und Westerwelle gemeinsam auf dem EU-Gipfel der Staatskarosse entstiegen. Ein Hauch von “Psycho” umwehte den Außenminister, so übermütterlich vollbetreut wirkte er.

Ansonsten ist Guido auf dem internationalen Parkett damit beschäftigt, Souveränität zu simulieren und auch sprachlich über den Dingen zu stehen. Aktuell wirft er bei jeder Gelegenheit kurze englische Phrasen ein, ein “please, go ahead” hier, ein “have a nice day” dort. Das hat er so schnell und schön gelernt, dass man immer ein wenig Angst hat, ihm könnte jederzeit aus Versehen ein “Humpty Dumpty sits on the wall” rausrutschen.

Westerwave läuft durch den ersten Tag seiner außenpolitischen Weltkarriere mit so großen Augen wie Heidi im Zeichentrick. Und er wundert sich. Wie “klug” die Kollegen sind und welchen “Heidenrespekt” er hat. So ist das, wenn man immer mit den großen Hunden pinkeln gehen wollte, und dann feststellt, dass man nur ein kleiner liberaler Pudel ist. Bei den Sitzungen hat er sich zurückgehalten und nicht das Wort ergriffen. Allen dafür lohnt es sich, dass Deutschland in der EU ist.

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Jeder Bauer weiß: Wenn die Kuh zu wenig Milch gibt, dann nützt es nichts, sie dafür einfach mehr zu melken. Irgendwann fällt ihr der Euter ab und du hast sie totgemolken.

Die Gesundheitspolitiker unserer Regierung sehen das anders: Wenn den Kassen Geld fehlt, dann werden einfach die Beiträge angehoben und das am besten auch noch einseitig zulasten der Versicherten. Die Krankenkassen warnen jetzt davor, dass dann irgendwann bis zu 20 Prozent der Beiträge ausfallen, weil immer mehr Leute sie einfach nicht zahlen können.

Natürlich könnten die Krankenkassen ihre Inkassoabteilungen verstärken und einfach ein paar Kompanien sonnenbebrillte Igors einstellen. Aber greif mal nem nackten Mann in die Tasche – das sieht nicht besser aus, nur weil du Muskeln hast und ne Sonnenbrille trägst.

Jetzt haben wir so ein schönes, von Experten ausgetüfteltes Gesundheitssystem, und dann gibt es da diese eine ärgerliche Sache, die mal wieder alles ruiniert: Kranke Menschen.

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Der Trend geht zur Sozialbestattung, also der, deren Kosten nicht mehr von Angehörigen übernommen werden können, weswegen dann das Amt einspringen muss. Wobei Ämter auch schon mal monatelang die Anträge prüfen. Vereinzelte Bestatter haben schon Tote so lange auf Eis gelegt, bis endlich die Überweisung da war. Das ist er, der Sozialstaat on the rocks.

Wenn man schon die Lebenden konsequent immer nur auf den Kosten-Nutzen-Faktor reduziert, dann sind irgendwann auch die Toten dran. Und die haben an Rendite oder Wachstum so wenig zu bieten, da ist dann wirtschaftlich schnell Sense, da investiert keiner, es sei denn er ist bekloppt, trägt nen Hut und heißt von Hagens.

Jetzt ist es also offiziell: Der schlanke Staat hat immer mehr Leichen im Keller. Für Beisetzungen gibt es keinen Etat mehr. Und die Asche machen andere.

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Hotte Köhler, der alte Hobbyrevolutionär und homöopathische Systemkritiker hat beim Aushändigen der Zeugnisse Ernennungsurkunde der Kanzlerin mit auf den Weg gegeben, dass er vor übertriebenem Wachstumsglauben warnt. Dabei ist genau das ihr Fetisch, sie betet doch mindestens dreimal tagtäglich ihr „Wachstum unser“ herunter, das ich hier einmal zum Mitbeten aufschreiben möchte:

Wachstum unser,
das du bist in der Theorie,
geheiligt werde dein Name;
Dein Reichtum komme,
dein Aufschwung geschehe,
wie bei den Besserverdienern,
als auch im Mittelstand.
Unsere tägliche Steuersenkung gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schulden,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in den Schattenhaushalt,
sondern erlöse uns von der Börse.
Denn dein ist die Politik und die Kraft
und die Kanzlerin in Ewigkeit.
Zahlen!

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Kaum war Bundestagspräsident Norbert Lammert wiedergewählt, schon beschwerte er sich darüber, dass ARD und ZDF nicht das Zusammentreten des neuen Bundestags live im Programm hatten, sondern Seifenopern und Seichtspielfilme mit Titeln wie “Schaumküsse”, “Alisa – Folge deinem Herzen” oder “Bianca – Wege zum Glück”.

Natürlich schadet es nie, übers öffentlich-rechtliche Fernsehen zu schimpfen. Vor allem, wenn es reihenweise Promis bei den Privaten einkauft und von Quiz bis Telenovela dem Bildungsauftrag gerecht wird, indem es sich seine Anspruchs-Gürtellinie auf einem sabbernden RTL-II Niveau um die Knie schlottern lässt. Aber vielleicht war das Programmangebot des heutigen Morgens auch eine Art politischer Kommentar?

“Schaumküsse” klingt für mich wie eine sehr pointierte Zusammenfassung des Koalitionsvertrags. Und auch sonst wirkt die Berliner Personalpolitik doch recht seifig bis sissi-esk. Ob “Guido – Schicksalsjahre eines Strebers”, “Angie – Folge deinem Helmut”, “Ursula – vom Gestüt ins Ministerium” oder gar “Rösler – der adoptierte Jung-Arzt, dem liberale Frauen vertrauen”. Und die Unentschlossenheit der Kanzlerin erinnert natürlich an ein “Fackeln im Sturm”.

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Mal wieder Merkel-Schach vom Feinsten: Alle Bauern sind am Springen, und am Schluss bleibt immer die Dame übrig. Ganz Der-Pate-mäßig hat sie dem nervigen Hobbyhistoriker und Schwaben-Sarkozy Oettinger ins Ohr gezischt: “Ich mache dir ein Angebot, dass du nicht ablehnen kannst”. Und schwuppdich war er wegen guter Führung nach Brüssel strafversetzt. Weggestoibert.

Karl Top-Gun zu Guttenberg wird Verteidigungsminister, das sollte seine Beliebtheitswerte subtil nach unten korrigieren, wenn er mal nicht mit der Wirtschaftsrettung beschäftigt ist, sondern damit, die Särge toter Soldaten am Flughafen entgegen zu nehmen. Ansonsten kann es auch sein, dass die Kanzlerin einfach nur meinte, Verteidigung passe zum schwarzen Baron, weil die Zeitungen ihn in den letzten Monaten eh andauernd als “Shootingstar” bezeichnet haben.

Warum Franz-Josef Jung allerdings im Kabinett bleiben darf, das erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Klar ist nur: Wenn spätestens nach der NRW-Wahl nächstes Jahr bei Arbeit und Sozialem heftig gekürzt werden soll, braucht man in dem Bereich einen Pappkameraden als Minister, der nicht den Helden spielt, sondern müde abnickt. Und Verteidigungsminister war er damals ja auch mehr oder weniger geworden, weil er sich nicht wehren konnte. Passt.

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Zucker im Hirn

Was mich an der aktuellen Fernsehwerbung am meisten nervt und belustigt, sind diese Interview-Spots, in denen jemand unglaublich realistisch und spontan in einer Art “Interviewsituation” seine Eindrücke zum Produkt in die Kamera stammelt, so ganz doku-reality-authentisch.

Grade der Süßwarenhersteller Storck leidet derzeit extrem unter akuten Talk-Fieber-Schüben, a` la: “Naja, erst ist es wie ein Sahnebonbon, aber dann beißt du rein und denkst ´wow´, da ist echt noch… ja, was ist das? So ein ein cremiger Karamellkern halt, der ist da irgendwie drin, also außenrum diese süße Schale und drinnen dann, ich weiß gar nicht, wie es das sagen soll, der Wahnsinn halt…”

Den Vogel schießt die Werbung für Toffifee ab. Da hat man echt das Gefühl, die Kreativabteilung arbeitet an der Zweitverwertung ihrer persönlichen Therapieerfahrung. In einem Spot sitzt ein Rudel emotional verwahrloster Hausfrauen und Mütter im lockeren Gesprächskreis und labert sich in einer Mischung aus Familienaufstellung und Zuckerschock ins hochkalorische Betroffenheits-Koma: “Mit Toffifee erleben wir uns als Familie wieder gemeinsam…”.

Was für arme Seelen, deren Familie nur durch ein knatschiges Stück Bonbon zusammen gehalten wird. Man würde sich nicht wundern, wenn eine von ihnen auf die Knie fiele und sagte: “Ohne Toffifee hätte ich mich schon längst von meinem Mann getrennt und die Kinder verkauft!!!”. So gesehen gehört Toffifee eigentlich von der Krankenkasse bezahlt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Ich habe Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, als man sich noch die Zähne verderben durfte, ohne dafür einen familientherapeutischen Überbau herbeischwurbeln zu müssen.

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