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Archive for Juni 2008

Während halb Deutschland vor lauter Fußballparty in den letzten Woche eine riesen Fahne hatte, hat Minister Franz Josef Jung beschlossen, 1000 Soldaten mehr nach Afghanistan zu schicken, damit wenigstens dort unsere Verteidigung steht. Es ist ja auch nur ein „quick reaction“-Friedenseinsatz im sicheren Norden des Landes. Auf Anfrage findet sie aber auch im Süden statt, die quick-reaction, die klingt, als wäre irgendwer besonders gut im Flippern, aber eigentlich aus Blut, Kampf und Tod besteht.

„Jeder von uns, der da reingeht, hat sein Testament gemacht. Wir sind vorbereitet“, sagt ein ranghoher Militär. Wenn es zum Schlimmsten kommt, werden daheim einige ihre Fähnchen aus dem Autofenster nehmen und leise sagen: „Darauf waren wir nicht vorbereitet“. Denn es ist ein grotesker Eiertanz, in dem der unfreiwilligeste Verteidigungsminister seit Rudolf Scharping immer wieder um den heißen Brei herum redet: „In diesem zunehmend schwieriger gewordenen sicherheitspolitischen Umfeld…gehört es auch zum Einsatz, wenn erforderlich, gegen militante gegnerische Kräfte vorzugehen“.

Ein Korrespondent fragt ihn, ob der Einsatz jetzt „robuster“ werde. Jung antwortet, es hätten sich „Veränderungen ergeben“. Wenn Opa vom Krieg erzählt hat, wusste man wenigstens, woran man war.

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Also, liebe Freunde, Leser und Mitleidende, das hab ich ja gestern an der Resonanz zum „Autokorso“-Thema gemerkt: Da ist mehr drin! Mööööp! Um das Ganze heute zu einem würdigen Ende zu bringen, schlage ich einen Blog-Korso vor, der hauptsächlich im untenstehenden Kommentarbereich stattfindet. Möööööp! Da können wir nach Herzenslaune hintereinander her kommentieren, hupen, pingbacken und trackbacken, dass es nur so ein Fest ist, Mööööp! Wer´s nicht mehr aushält, auch schon gerne im Vorhinein, das nennt der Fachmann dann einen „corso praecox“, ist menschlich, kann passieren, Mööööp!

Stammkommentatoren steigen direkt ein, bei Neulingen entscheide ich, ob sie hier mitfahren dürfen, oder sich vielleicht doch lieber auf die Straße begeben müssen. Mööööp! Also: Das heutige Posting findet interaktiv im Kommentarbereich statt. Mööööp. Ob unsere* Jungs gewinnen, oder wir* nur Vize werden – was man nie weiß, denn wie sagt der Ballack zum Trainer: „Isch hab Wade, Schätzelein!“. Möööööp! 

* “Wir” und “unserer” natürlich nur in extrem reflexiv-gebrochenem, ironischen Zusammenhang

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Kann mir mal einer erklären, was an EM-Autokorsos witzig, charmant, bereichernd, oder auch nur ansatzweise ok sein soll? Nur weil irgendeine Ballspiel-Mannschaft ein Turnier gewonnen hat, darf man mitten in der Nacht stundenlang alkoholisiert hupend die Innenstadt blockieren, im Kofferraum sitzen, bei Rot über die Ampel fahren und alle möglichen Leute um ihren Schlaf bringen? Und die Polizisten gucken augenzwinkernd weg? Alles nur, weil irgendwelche Profisportler ihren Job gemacht und vorher noch halbwegs die richtige Hymne gebrummelt haben. Alter Falter!

Wenn im Frühjahr wieder der Deutsche Kleinkunstpreis verliehen wird, werde ich direkt im Anschluss an die Übetragung (meistens im ZDF, nach 22:00 Uhr) in mein Auto steigen, für 1-2 Stunden mit der Hupe „Kabarett“ morsen und dabei rückwärts durch einen zentralen Kreisverkehr meiner Wahl rasen. Und dann in der Zelle randalieren, in die sie mich stecken werden. Danach soll mir der Richter mal die kulturell übergeordnete Bedeutung der Balltreterei darlegen.

Oder wie wär es nächste Woche, Samstag nach den Lottozahlen? Wer kommt mit? Wir machen einen spontanen 6-aus-49-Korso! Wir sind jung und lieben das Leben und die Lottozahlen! Am Donnerstag feiern wir dann auf diese Weise den Biomüll und am Freitag die Altkleidersammlung. Frage: Sind die, die meinen, eine Hupe sei dazu da, Freude auszudrücken, eigentlich sie selben, die denken, der Blinker sei dafür da, das gelungene Ende eines Abbiegevorgangs zu feiern?

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Der Markt regelt alles. Jetzt macht er uns sogar zu Umweltschützern und Energiesparern. Das Öl wird von Woche zu Woche teurer. Nicht weil es von Woche zu Woche knapper wird, sondern weil der Dollar schwächelt und weil dem Letzten klar ist, dass das Öl irgendwann alle ist. Das heißt, der Ölpreis ist ein Blick in die Zukunft. Oder anders gesagt: Ein Blick in die Kristallkugel, angewandte Wahrsagerei. Wenn heute jemand sicher wüsste, dass wir in 10 Jahren Öl durch, sagen wir mal, fleißige Bakterienkulturen ersetzen könnten, dann würde der Ölpreis sich schon morgen früh auf den Weg in den Keller machen. Und die Scheichs ihre Paläste als günstige Ferienwohungen anbieten.

Was tun wir bis dahin? Weniger heizen, Fahrgemeinschaften bilden, Strom sparen und wieder mehr Kniffel als Counterstrike spielen. Leuten, die trotzdem mit dem Porsche zum Bäcker fahren, den Stinkefinger zeigen. Wieder beim Tante-Emma-Laden ums Eck einkaufen, oder einen aufmachen. Mehr Stoff und weniger bauchfrei tragen. Mehr singen als CDs spielen. Unsere Arbeitswelt entmobilisieren, Heimarbeit, Sachen da herstellen, wo sie gebraucht werden. Anders leben, mit weniger Gegenwart und mehr Zukunft, weniger im Auto, mehr bei uns. Anders denken, anders sein. Und wer macht das möglich? Der Markt.

Treibstoff-Zen, das wäre jetzt die ideale Philosophie – an der Tanke auf die Preistafel schauen uns sich lächelnd sagen: „Schau, die Dinge ändern sich“. Aber wie es halt so ist mit dem entspannten Weltbild: Man muss es sich leisten können…

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Der Stoiber war´s! Nur wegen ihm sind wir* jetzt im EM-Finale. Hab ich grade in der Blödzeitung gelesen, da wurde aufgeklärt unter dem Titel „So jubelte Stoiber unsere Elf zum Sieg“. Er war im Festzelt, gemeinsam mit 700 Fans. Ob das jetzt eher Fans von Stoibers Bemühungen um den EU-Bürokratieabbau, oder Fans unserer* Nationalelf waren, sei dahingestellt. Er hat sich extra beeilt, um nicht ins Spiel rein-zu-äh-reden, wie es ihm vor Jahren schon mal passiert sei, da „haben einige gebuht. Um das zu vermeiden, kam ich heute früher“. Weniger reden, früher kommen – eine Art Bierzelt-Quickie.

„21:08 Uhr. Das 1:0 für die Türken. Stoiber entsetzt!“. Aber dann: „21:14 Uhr – Schweini ballerte den Ausgleich, Stoiber sprang jubelnd auf, klatschte begeistert“. Und schließlich: „22:23 Uhr – Klose traf zum 2:1 und Stoiber hielt nichts mehr“. Stoiber musste ja auch nichts halten, dafür hatten wir* doch Lehmann. Dafür verlässt Stoiber, der alte Fußballnarr, an diesem Punkt das Zelt und ward nicht mehr gesehen. Der Mann ist praktisch sein eigener Bildausfall. Wenn´s ernst wird, ist er weg, so war das damals mit dem Ruf nach Berlin auch.

Wahrscheinlich hatte er sich gestern aus Brüssel etwas Bürokratie mitgenommen, um sie nachts zu Hause noch zu vereinfachen, auch wenn sein Fußballerherz dabei gebrochen ist. Kaum war er fort, wurde es richtig spannend, unsere* Jungs haben das Fußballspiel unbürokratisch auf´s „Reinmachen“ vereinfacht und schon sind wir* im Finale. Jetzt muss es bloß noch jemand unserem* Edmund erzählen.

* „Wir“ und „unserer“ natürlich nur in extrem reflexiv-gebrochenem, ironischen Zusammenhang.

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Als ich das letzte Mal in Gesellschaft EM geschaut habe, sind bei der Hymne glatt alle aufgestanden. Also alle, außer mir. Ich hatte grade so einen schönen Sitzfluss, den ich nicht unterbrechen wollte. Auf die fragenden Blicke, warum ich mein Vaterland mit einer Couch betrüge, lautete meine Erklärung: „Ich war Zivi, ich darf nicht“. Den Rest des Abends konnte ich mich gut aufs Spiel konzentrieren, ohne dass irgendeine Konversation dazwischen gekommen wäre.

Für heute Abend (als trautes gemischtes Doppel auf dem Sofa, ich mit Radler, sie mit Eierlikör, beide mit Chips) erwarte ich ein spannendes Spiel, in dem die Türken fighten und die Deutschen kraftvoll und engagiert aufspielen. Für danach wünsche ich mir, dass bei den türkischen Freuden-Schüssen in die Luft keine unschuldigen Passanten in der Luft sein mögen, und dass die deutschen Nazis, die sich schon auf Krawall freuen, zu völkisch-volltrunken sind, um ihre Baseballschläger zu finden. Wie es ausgeht? 2:1 natürlich. Für die Guten. Wie immer. Ich melde mich!

Fußball können sie nicht, aber Tore schießen. Wichtig ist im Netz. Ich hatte Spaß, so mag ich Fußball: Es gab einen Flitzer, es wurde geblutet und es gab einen famosen Bild- und Tonausfall. Minutenlang nix zu sehen und zu hören. Ich hab mir schon vorgestellt, dass es plötzlich weiter geht und 7:3 steht, während man sieht, wie Jogi Löw mit Ketten an die Trainerbank gefesselt ist.

Zum Glück war nix Wichtiges während der Panne. Das erste wieder auftauchende Bild war Metzelder, Bela Rethi sagte „Jetzt sehen sie einen Mann mit Bart, das heißt, das Bild ist wieder da“. Ich dachte, das heißt „Ja ist denn schon wieder Weihnachten?“. Ist ja auch – Finale! Vielleicht werden wir Tor-Europameister. Ganz eventuell sogar Fußball-Europameister. „Keine Struktur im Spiel, aber Moral bewiesen“, so fasst der Trainer den Abend zusammen. Wir sind Killerknete, Arbeiteramöben, Terminatorenwackelpudding, Kampfgrütze.

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Jetzt ist es raus: Deutschland ist nicht ganz dicht! Ob Atommülllager oder persönliche Meldedaten, irgendwie flutscht immer was durch. Es tröpfelt, es sickert, es fließt still und leise ab – das Vertrauen. Das ist die Zukunftstechnologie mit dem Blubb.

Der Klimaretter Nummer eins (the Erlösungsverfahren formerly known as Atomkraft, kurz TEFKAA) kann sein radioaktives Wasser nicht mehr halten und lässt das Ergebnis dieser strahlenden Inkontinenz einfach kubikmeterweise im Salzbergwerk eine Etage tiefer laufen (Im Fahrstuhl hieße es: „Ping! Untergeschoss! Cäsium-Mauscheleien und unbürokratisches Unter-den-Teppich-Pumpen“).

Und die persönlichen Daten von 500.000 Bürgern werden durch das praktische E-Government-Verfahren (the Informationstechnologie formerly known as digitale Schlamperei, TIFKADS) mal eben kostenlos und unverbindlich zum Download im Internet angeboten, bald schon ruckzuck auf dem Handy ihres Schuldkinds oder im Rechenzentrum der kirgisischen Mafia. Ohne Abo, Zusatzgebühren oder komplizierte Anmeldeverfahren, einfach Mausklick und ab auf die Festplatte, herrlich, wo gibt es heute noch so viele Daten umsonst? Namen, Adressen, Religionszugehörigkeiten und Passbilder, Fingerabdrücke waren leider dieses Jahr noch nicht dabei. Also: Schnell in Briefkastenhersteller-Aktien investieren, 500.000 Kunden werden bald ein größeres Modell kaufen müssen.

Zumindest das ist schon mal sicher. Blubb.

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