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Archive for 25. März 2008

Es war ein absurder Höhepunkt des deutschen Farbfernsehens: RTL2 opferte 45 Minuten seiner „Big-Brother“-Show einer Art Nachhilfeunterricht – weil (Ex-)Bewohnerin Rebecca der Hitlergruß über die Lippen gerutscht war und sie dafür das „Projekt“ (offizieller Schönsprech für die Exhibitionistenshow) hatte verlassen müssen.

„Bei diesem Thema darf es keine Unwissenheit geben“, verkündete die Moderatorin zu Beginn der Sendung, in der man teilweise sogar vor lauter Betroffenheit den knalligen Erkennungssong durch eine besinnliche Piano-Version ersetzt hatte und zeigte, wie Rebecca in einer Art Schnell-Zivildienst einen Auschwitzüberlebenden im Rollstuhl durch das Holocaustdenkmal fuhr. Kling zynisch. Lässt sich aber kaum anders beschreiben – vor lauter Clip-Ästhetik und psychologengestützter Geschichtsaufarbeitung zwischen den diversen Werbeblöcken.

Dann stammelte besagte Missetäterin unter Tränen „Tut mir so leid, ich hatte keine Ahnung, ich habe in der Schule nicht aufgepasst, wollte doch niemanden verletzen.“. Ein daneben gesetzter Historiker faselte als Ursachen-Analyse wirr etwas in Richtung: „Im Internet gibt es zu viel politischen Porno und zu wenig Wochenschau, äh, Tagesschau“, da war das Studiopublikum schon längst mental weggesackt. Übrigens hätte man diesem einen Zuschauer in der ersten Reihe ruhig mal andeuten können, dass eine Holocaust-Diskussion bei BB der denkbar ungünstigste Moment ist, sein schwarz-weiß-längsgestreiftes Hemd aufzutragen. Aber wahrscheinlich hatte auch er in der Schule einfach nicht aufgepasst.

Zwei Dinge hat diese Sendung eindeutig bewiesen: Die BB-Macher halten ihre Kandidaten und ihr Publikum inzwischen offen für so viel dümmer als sich selbst, dass ihr Restgewissen sie zu pädagogischen Maßnahmen zwingt. Und eine RTL2-Spielshow mit eingesperrten, rundumüberwachten, geschichtslosen Nacktdusch-Kandidaten ist für die Aufklärung über das Dritte Reich so ungeeignet wie der Boxring für einen Streichelzoo. Kaum war die Sendung rum, kam nahtlos der Trailer für einen Spielfilm: „Manche Türen hätte man besser nie geöffnet!“. Jau.

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