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Archive for März 2008

Das Ende des Feminismus ist erreicht, wenn eine Künstlerin „traditionelle weibliche Handarbeit im männlich geprägten öffentlichen Raum zeigen“ will, und das mit einen „feministischen Anspruch“ tut. Sie stickt nämlich Herzchen in die Polster von öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist so ein avantgardistische Provokation, dass die Arbeit „am besten älteren Menschen gefällt“. Klar. Soweit ist es gekommen seit Alice Schwarzer Werbung für die Bildzeitung macht, wahrscheinlich wegen der Tittenmädchen mit dem feministischen Anspruch.

Das nenn ich Frauenpower: Handarbeiten im Bus. Wo soll das hinführen? Sockenstricken für die Bundeswehr? Gardinen umnähen im Puff? Kuchenbacken für KFZ-Mechaniker und Blumenkübelbepflanzen für die Herren von der Deutschen Bank? Das kommt mir so sinnvoll vor, wie wenn man gegen die Globalisierung protestiert, indem man wildfremden Menschen Gartenzwerge in die Rabatten stellt. Manchmal ist Kunst ohne Anspruch am schönsten. Und Anspruch ohne Kunst.

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Hapitschü!

Ja, jetzt geht es los: Frühling! Männer weit über 50 tragen plötzlich wieder Baseballkappen, fahren Cabrio und pfeifen Schuhfachverkäuferinnen hinterher. Die Kinder spielen draußen mit den neuen Sachen, die ihnen der Osterhase gebracht hat – Inline-Skates, Bobbycars und Mountainbikes, eben alles, was Schürfwunden macht.

Mein Körper versteht wieder mal alles falsch und empfindet jede einzelne Blüte als Kriegserklärung ans Immunsystem. Jetzt beginnen auch erneut die partnerschaftlichen Diskussionen, ob die Farbe des Taschentuchinhalts direkte Rückschlüsse auf den Pollenflug zulässt. Und ob solche Diskussionen gut für die Beziehung sind. Und joggen wollen wir, joggen wie die Blöden, endlich fit werden für die Freibad-Bikini-Figur, obwohl ich auch dieses Jahr wieder keinen Bikini tragen werde.

Alles ist Aufruhr und Aufbruch und Ausfluss, hier ein Spray, da ein Antiallergikum mit unaussprechlichem Namen („Ich hätte gerne eine Packung Ceti-tri-zi-äh…city-tri-ci-tetzi…äh…Cetidings! Also jedenfalls von Ratiopharm!“ – die haben echt Spaß im Frühling, die Apothekerinnen) und dazwischen immer wieder herzhaftes Gegen-die-Sonne-Niesen, damit es auch einen Regenbogen gibt. Frühling, das ist wenn der Rüssel kitzelt. Verglichen damit ist der Sommer langweilig.

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Und hoch das Bein?

„Wir haben eine Delle, aber keinen Absturz“, hat Kurt Beck jetzt zu den aktuellen Umfrageergebnissen der SPD gesagt. Es klang so beruhigend, wie wenn er festgestellt hätte: „Ich habe kein Image-Problem, ich hab nur sooo einen Bart!“. Jeder, der schon mal über den Durst getrunken hat, weiß, dass die meisten Dellen natürlich direkt beim Absturz entstehen.

Dellen ohne Absturz gibt es auch, die nennt man dann zum Beispiel Cellulitis. Vielleicht ist es das, was die Sozialdemokratie zur Zeit so unsexy wirken lässt. Eine Bindegewebeschwäche, erschlaffende Strukturen, fehlender Zusammenhalt, ein Teil schwabbelt nach links weg, der andere nach rechts, in der Mitte bleiben Dellen.

Klar: Das kann man der alten Tante SPD mit ihren gut 140 Jahren nicht wirklich vorwerfen, die muss nicht mehr im Lido in der ersten Reihe die Beine schwingen, da ist eher ein seniorenfreundlicher Sitztanz angesagt. Eigentlich müsste ein guter Stützstrumpf her. Aber woher nehmen? Im Moment trägt man aus purer Verzweiflung die gemütliche Stricksocke Modell „Kurt“. Die hält warm, sieht lustig aus, gibt aber so gut wie keinen Halt.

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„Welches Auto würde Jesus fahren?“ – ist eine blöde Frage von Buchautor Franz Alt, aber immerhin eine, die für Aufmerksamkeit sorgt. Vielleicht hätte Jesus gar keinen Führerschein, sondern würde von den Jüngern zu seinen vielen Terminen gefahren. Und: Würde Jesus auch Hamburger essen, bei Lidl einkaufen oder in eine Riester-Rente investieren? Wäre Jesus heute überhaupt Jesus, oder nicht lieber Franz Alt?

Gut, nehmen wir die Ausgangsfrage mal testweise ernst. Was würde er denn nun fahren? Mit dem Smart raus nach Golgatha, mit dem Maybach zur Speisung der 5000? Es ist natürlich eine Statusfrage, er kann ja nicht als Sohn Gottes mit einem Twingo ankommen. Er bräuchte was PS-starkes, allein schon wegen der Kupplung für die 12 Anhänger. Hätte er eigentlich einen Jesus-Aufkleber auf der Heckklappe? Und würde er nach Sylt mit der Autofähre übersetzen, oder ginge er lieber zu Fuß? Hätte er überhaupt ein eigenes Auto, oder wäre er nicht eigentlich der klassische Typ für Car-Sharing? Es müsste ja nicht mit den 5000 sein. Was würde er beim Tanken sagen, etwa „Ja, bin ich denn Krösus?“?

Ach, was waren das für selige Zeiten, als man noch als Fußgänger Religionen begründen konnte.

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In den USA haben Bürger einem nichtsahnenden Hausbesitzer die Hütte leer geräumt, nur weil irgendwer eine Kleinanzeige ins Internet gestellt hatte mit dem Text „Bin umgezogen und habe einige Sachen zurück gelassen – bedienen sie sich!“. Erst als eine Interessentin ihn telefonisch fragte, ob sie denn auch wirklich das Pferd mitnehmen dürfe, brach das unwissende Opfer seinen beruflichen Auswärtsaufenthalt ab und traf daheim eine Horde von fröhlichen Plünderern an, die erst durch die Polizei von der All-you-can-carry-Mitnahmeaktion abzuhalten waren.

Die „Interessenten“ hatten ihm zuvor immer wieder die ausgedruckte Anzeige als Beweis unter die Nase gehalten, weil: Was im Internet steht, muss ja wahr sein. Hallo? Im Internet steht auch dass Adolf Hitler heutzutage im ewigen Eis fröhlich Ufos bastelt und dass Amy Whinehouse eine Entziehungskur mit Eigenurin macht. Wie blöd muss man sein, um ein zu eins ans Internet zu glauben? Muss man Ami sein? Ich befürchte: Nein.

Wenn man nachfragt, wird man sich wahrscheinlich wundern, wer einem alles einen beweiskräftigen WWW-Ausdruck unter die Nase hält: Sarkozy hat da irgendwo gelesen, dass hohe Absätze einem bei Staatbesuchen Souveränität verleihen. Und Stoiber hatte Zahlen gefunden, die belegen, dass der Transrapid ein Schnäppchen ist. Ach ja: Diese Kleinanzeigenstory ist natürlich wirklich wahr, steht ja im Internet.

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Lidl ist die neue Stasi. Schon erschreckend, wie man bei Lidl anscheinend die Mitarbeiter ausspäht, überwacht und schikaniert. Sollte man glatt boykottieren, den Laden. Nein, Moment, das ham wir ja bei Nokia und China schon festgestellt: Boykott ist keine Lösung. Wenn Lidl keinen Umsatz macht, sind die Mitarbeiter ihren Job los. Also sollten wir ihnen praktisch helfen, vielleicht mit kleinen Datenschutz-Care-Paketen, die zum Beispiel einen starken Magneten zum Löschen von Festplatten oder diverse Perücken zum Austricksen der Videoüberwachung enthalten.

Bei Lidl gefährdet man anscheinend schon seinen Job, wenn man nur aufs Klo geht. Eine befragte Angestellte, die aus Angst vor Abmahnung die Kasse nicht verlassen wollte, brachte es so auf den Punkt: „Manchmal kam ich nach Hause und hatte einen nassen Schlüpfer“. Gut das ist vielleicht etwas ungeschickt formuliert, klingt wie ein Satz aus der Autobiographie von Gina Wilde. Aber wie kann ich jetzt künftig Lebensmittel einkaufen, wenn ich mir am Kassen-Laufband unweigerlich Gedanken über Kassiererinnenschlüpfer machen muss? Danke, Lidl!

Wer an einem Lidl vorbeikommt, sollte künftig solidarisch an die Kasse treten und fragen: „Soll ich sie mal 5 Minuten vertreten, oder haben sie heute noch nichts getrunken?“. Tja, Lidl ist wahrscheinlich die Abkürzung für „Lass ich diskret laufen“. Und die Arbeitswelt doch immer noch einen Tick unappetitlicher, als man befürchtet.

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Es war ein absurder Höhepunkt des deutschen Farbfernsehens: RTL2 opferte 45 Minuten seiner „Big-Brother“-Show einer Art Nachhilfeunterricht – weil (Ex-)Bewohnerin Rebecca der Hitlergruß über die Lippen gerutscht war und sie dafür das „Projekt“ (offizieller Schönsprech für die Exhibitionistenshow) hatte verlassen müssen.

„Bei diesem Thema darf es keine Unwissenheit geben“, verkündete die Moderatorin zu Beginn der Sendung, in der man teilweise sogar vor lauter Betroffenheit den knalligen Erkennungssong durch eine besinnliche Piano-Version ersetzt hatte und zeigte, wie Rebecca in einer Art Schnell-Zivildienst einen Auschwitzüberlebenden im Rollstuhl durch das Holocaustdenkmal fuhr. Kling zynisch. Lässt sich aber kaum anders beschreiben – vor lauter Clip-Ästhetik und psychologengestützter Geschichtsaufarbeitung zwischen den diversen Werbeblöcken.

Dann stammelte besagte Missetäterin unter Tränen „Tut mir so leid, ich hatte keine Ahnung, ich habe in der Schule nicht aufgepasst, wollte doch niemanden verletzen.“. Ein daneben gesetzter Historiker faselte als Ursachen-Analyse wirr etwas in Richtung: „Im Internet gibt es zu viel politischen Porno und zu wenig Wochenschau, äh, Tagesschau“, da war das Studiopublikum schon längst mental weggesackt. Übrigens hätte man diesem einen Zuschauer in der ersten Reihe ruhig mal andeuten können, dass eine Holocaust-Diskussion bei BB der denkbar ungünstigste Moment ist, sein schwarz-weiß-längsgestreiftes Hemd aufzutragen. Aber wahrscheinlich hatte auch er in der Schule einfach nicht aufgepasst.

Zwei Dinge hat diese Sendung eindeutig bewiesen: Die BB-Macher halten ihre Kandidaten und ihr Publikum inzwischen offen für so viel dümmer als sich selbst, dass ihr Restgewissen sie zu pädagogischen Maßnahmen zwingt. Und eine RTL2-Spielshow mit eingesperrten, rundumüberwachten, geschichtslosen Nacktdusch-Kandidaten ist für die Aufklärung über das Dritte Reich so ungeeignet wie der Boxring für einen Streichelzoo. Kaum war die Sendung rum, kam nahtlos der Trailer für einen Spielfilm: „Manche Türen hätte man besser nie geöffnet!“. Jau.

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