Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for November 2007

__________

Zwei Nachrichten des heutigen Tages: Bei Hannover hat das Jugendamt ein 14 Monate altes Mädchen aus der verwahrlosten Wohnung seiner Eltern gerettet. Und in Neubrandenburg lief ein Dreijähriger unbekleidet und unterkühlt um halb Acht morgens auf der Straße umher. Die Mutter lag kaum ansprechbar in ihrer völlig verwahrlosten Wohnung. Das gibt es mittlerweile also täglich mehrfach.

„Verwahrlosung“ hat das Zeug zum Wort des Jahres. Wie viel Verwahrlosung kann ein Gemeinwesen sich leisten? Leben wir schon in einer GmbH, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung? Und was ist das überhaupt für ein seltsames Wort, kommt das von Verwahren? Ja, wahrscheinlich im Sinne von Aufbewahren. Die Menschen haben in ihrem Leben keinen Ort mehr, der sie schützt. Und der sie wahr sein lässt.

Siehste mal, da bleibst du an einzwei Meldungen hängen, und auf einmal hörst du dich schon Freitags wie das Wort zum Sonntag an. Schadet aber nix.

Read Full Post »

__________

Roland Koch hat ja den ehrgeizigen Plan, dass Hessen das erste Bundesland ohne Stau werden soll. Da ist das Prinzip „Alles fließt“, welches der Hesse ja auch unter dem Namen „Kochkäs“ kennt. Dazu gehört eine Kampagne für Fahrgemeinschaften zur Arbeit  – nachdem vermutlich Wissenschaftler herausgefunden haben, dass ab einem Benzinpreis von 1,50 Euro pro Liter signifikant die Bereitschaft steigt, Mitfahrgelegenheiten zu nutzen, egal ob an Bord jemand die Angewohnheit hat, Tzatziki zu frühstücken.

Eigentlich ne sinnvolle Sache. Auch kommunikativ. Also nicht das mit dem Tzatziki. Lustig ist nur, wie das Ministerium jetzt bemüht flott versucht, die alte praktische Idee neu und trendy zu verkaufen, als „modernes Mobilitätsmanagement“ mit dem knackigen Namen „M+P“. Nein, das heißt nicht „Mami und Papi“. Es geht um Parkplätze in Autobahnnähe, auf denen man prima „Parken und Mitnehmen“ kann. Vorsicht, es gibt auch Parkplätze, die man fürs „A+P“ kennt. Anhalten und Poppen. Und „P+N“, also das bekannte „Pinkeln-gehen und Nicht-mehr-mitgenommen-werden“. Ausgeschildert sind diese „M+P“-Parkplätze übrigens nicht. Wo sie sind, erfährt man nur im Internet. Das wirkt nicht wirklich seriös, das wirkt halbherzig.

P.S.: Von wegen „A+P“. Das werd ich nie vergessen, wie plötzlich die Kassiererinnen im Tengelmann zur Bewerbung der Hausmarke das Logo „A+P“ am Revers tragen mussten. Grade auch als Frau ne tolle Sache, wenn man dasitzt und ist beschriftet mit dem Slogan „Attraktiv und preiswert“. Da hätten sie ja auch gleich „geil und billig“ draufschreiben können.

Read Full Post »

__________

Das mit Pisa und Iglu ist wie die Sache mit Hase und Igel. Sie liefern sich ein Rennen. Heute erscheint die Iglu-Studie, die sich mit der Lesekompetenz der Grundschüler beschäftigt, am kommenden Dienstag kommt die neue Pisa-Studie, die sich die 15-jährigen Schüler genau angeschaut hat. Und gewinnen wird Iglu, nicht nur weil die Studie eine Woche früher rauskommt, sondern auch, weil unsere Schüler in der Grundschule noch relativ gut abschneiden, bevor sie dann weiterführend verblöden, um es mal so zu sagen, dass es auch Pisaschüler verstehen.

Also: Nach der Grundschule verrutscht´s. Genau an dem Punkt, an dem die Schüler aufgeteilt werden ins System: Möchtegernelite, ambitionierte Frisösen und Deppen – eben das, was der Bildungsexperte doch einen Tick treffender als „dreigliedriges Schulsystem“ bezeichnet. Ja, es ist ein System. Wir Deutschen sind Weltmeister im Mülltrennen und genau so verfahren wir auch bei der Bildung.

Sorgen um die deutschen Schüler muss man sich allein schon machen, wenn man liest, dass das Internetportal, dem das Oberlandesgericht Köln eben „wünschenswerte Interaktion und Orientierung“ attestiert hat, also die Netz-Seiten auf denen Schüler ihrer Lehrer bewerten und be-kommentieren dürfen (Zitat: „Sie ist eine Ziege!“), ungelogen folgenden Namen trägt: „Spickmich.de„. Welcher Pädophile hat sich den diesen schmierigen Namen ausgedacht? Was war die Idee dabei? Dumm spickt gut? Spick dich selber!

Read Full Post »

__________

So langsam verstehe ich, worum es geht. Es geht weder darum, dass der Schäuble sich sicher fühlt, noch dass der Islamist sein Wasserstoffperoxid künftig nicht mehr einszweidrei bei Ebay ersteigert – es geht um Musik. Sagen wir im weitesten Sinne: Es geht um die Rolling Stones. Die ja ihre müden Ärsche noch immer auf die Bühnen dieser Welt schleppen müssen, weil mit Platten allein heute kaum noch Geld zu verdienen ist. Für die Musikindustrie sind Raubkopierer die wirklichen Bin Ladens. Klar: „bin laden“, plötzlich macht alles Sinn!

Übers Spreeblick-Blog bin ich darauf gestoßen, dass der Bundesrat, nachdem er die Vorratsdatenspeicherung beschlossen hat, jetzt daran arbeitet, diese Verbindungsdaten auch der Industrie zugänglich zu machen, den „Rechteinhabern“, also Plattenfirmen, also den Stones. Und auch noch anderen sympathischen Riesenkonzernen wie Sony, Bertelsmann (und Pro7 und Springer und… hängt ja alles zusammen). Die wollen künftig genau wissen, wann ich wo wie scharf an ihren Urheberrechten entlang-gesurft bin. Alles nur, damit Mick Jagger sein blödes Sauerstoffzelt künftig wieder vermehrt zu Hause aufstellen kann.

Dann ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Bilder der Maut-Kameras, die biometrischen Daten und die Fingerabdrücke von den Landeskriminalämtern direkt an die Industrie überspielt, vielleicht auch einfach auf CD gebrannt und in die Post gegeben werden. Die werten das dann aus und sehen, wie viele Stones-Platten ich im Mediamarkt in den Fingern hatte, ohne ja eine zu kaufen. Und wann ich mit dem Auto auffällig in der Nähe eines Stones-Konzertes unterwegs war. Und wenn sie dann anhand meiner Kreditkarte sehen, dass ich bei I-Tunes nie offiziell was von den Knautschrockern erstanden habe, werden sie den Schäuble meinen Computer online nach dem mp3 von „Angie“ durchsuchen lassen.

Und wenn sie es dann finden, kommt die GSG9. Von vorne. Von hinten dazu noch das KSK. Also noch mehr kann die Politik ja nicht für die Industrie auf den Strich gehen! Oder auf den Strichcode. Volksvertreter, die wahrscheinlich nicht mal ihren Videorecorder selbst programmieren können. Festplattenrecorder haben die eh nicht. Wäre ihnen auch zu unsicher

Read Full Post »

__________

Die Lokführer drohen weiterhin mit Streik, sie wollen einen eigenen Tarifvertrag. Und in Hollywood streiken die Drehbuchautoren, sie wollen mehr Geld. Wenn sich die GDL-Taktik jetzt noch bei den Schreibern rumspricht, steht zu befürchten, dass dort bald eine Splittergewerkschaft der Autoren von Lokomotiv-Szenen entsteht. Die fordern dann 31% mehr Lokomotiv-Szenen. Und wenn sie die nicht bekommen, legen sie die Arbeit nieder, das ist dann das Aus für alle Fortsetzungen von Jim Knopf bis Harry Potter. Wegen der Lokomotive Emma und dem Hogwarts-Express natürlich.

Ich merk schon: Meine Phantasie geht mit mir übertariflich durch. Liegt wohl daran, dass ich bis heute nicht verstanden habe, warum Lokführer eine eigene Gewerkschaft haben müssen. Und warum diese dann ausgerechnet einen Chef hat, dessen Name sich anhört wie eine Tankstelle.

Read Full Post »

__________

Haustürgeschäfte sind für mich ja eine Sonderform des Erzähltheaters. Ich guck mir das an, applaudiere innerlich, denk auch schon mal ein herzhaftes „Buh!“, und ob ich dann irgendwas kaufe, hängt weniger vom Produkt, als vielmehr von der Gesamtperformance, ihrer Stimmigkeit und dem Unterhaltungswert ab.

Gestern klingelt es an der Tür, ein junger Mann begrüßt mich, als hätten wir schon mal zusammen Kühe gehütet, oder zumindest gemeinsam an einem Elternabend teilgenommen. Haben wir aber nicht. Er will auf die Weise nur andeuten, dass er ja jedes Jahr um diese Zeit mit mir in meinem Eingangsbereich dialogisiere. Mir liegt dazu keine Erinnerung vor. Egal.

Ritsch, öffnet er den Reißverschluss seiner großen Tasche, um mir das glamouröse Füllhorn seines geradezu Ali-Baba-esken Schatzes an vortrefflichen Produkten zu enthüllen. Kurz: Es gibt Haushaltsschwämme, Putzlappen und Küchenmesserchen in einem Pink, wie es selbst im Herbst ´89 in Gera im Schlussverkauf liegen geblieben wäre. Oder wahrscheinlich sogar ist. Diese Zauberdinge seien von Behinderten persönlich eingetütet worden, damit ich sie zu einem derartig überteuerten Preis erstehen könne, dass es fast einer Spende gleichkäme, ohne aber eine zu sein.

Deshalb ist auf der Packung der Aufkleber „Nicht für Spendenzwecke, nur für den Ambulantenverkauf“. Tolles Wort, Ambulantenverkauf. Klingt übel. Klingt krank. Aber klingt auch, als sei es schnell vorbei. Ob das Geld denn auch tatsächlich bei den von ihm erwähnten Behindertenwerkstätten ankomme, frage ich. Er zeigt mir als Beleg eine Art Ausweis. Darauf steht sinngemäß, dass er für nen guten Zweck unterwegs ist. Und er hat ihn unterschrieben. Er. Sonst niemand. Auch keine der wohltätigen Einrichtungen, von denen auf diesem Wisch nicht einmal eine Adresse zu finden ist. Dieses Dokument belegt eigentlich nur, dass der Mann seine Unterschrift schreiben kann. Zum Vergleich legt er seinen Personalausweis vor, ja, stimmt, schön unterschrieben! Tja und jetzt?

Innerlich rekapituliere ich die Performance: Ein kleines Buh und gut dreieinhalb Lacher. Nicht schlecht. Der Typ kommt nett rüber, vielleicht sollte er sowas beruflich machen. Natürlich könnte ich jetzt a) mit ihm zusammen die Behindertenwerkstatt anrufen, oder b) seinen Perso kopieren. Das würde aber mindestens die Zeit kosten, die ich jetzt schon mit ihm an der Tür verplempert habe. Also kaufe ich ein Set aus 4 Topfputzschwämmchen und 4 Universalhaushaltslappen, das € 12,50 kostet und meine Freundin in einen Lachkrampf stürzt, als sie es später im Kämmerchen findet.

Der nette Ambulantenverkäufer mit der flüssigen Unterschrift war über den gelungenen Mega-Deal so glücklich, dass er tatsächlich angedroht hat, nächstes Jahr geschnitzte Holzfiguren mitzubringen. Spätestens dann werden wir ein ernstes Wörtchen über die ausgesprochen dünne Dokumenten-Lage wechseln müssen. Wenn ich mich dann noch an ihn erinnere.

Read Full Post »

__________

Zwei Zeitungsartikel am selben Tag. Im einen geht es um nationalbefreite Jungnazis, die dafür sorgen, dass die deutsche Frau wieder sicher auf die Straße kann, indem sie Spätaussiedler-Kinder und -Mädchen mit dem Cutter Runen in die Haut ritzen. Vor den Augen der nicht nur national- sondern auch völlig mitgefühlbefreiten Anwohner. Ausweisen. Sofort. Diese Nazis. Ihnen ein Robbenfell auf den blassen Leib tackern und sie dann zur Jagdzeit über Grönland abwerfen.

Der andere Artikel: Laut Umfrage des Mecklenburg-Vorpommerschen Tourismusverbandes haben 7% der Deutschen ihre Reisepläne schon mal wegen Rechtsextremismus geändert. Und das betrifft jetzt nicht Grönland. Wegen der Vogelgrippe haben nur 2,7% umdisponiert. Toll finde ich dann Leute wie den Dresdner Hotelchef, der sich weigert, NPD-Funktionäre zu beherbergen. Er hat sie gebeten, von der Buchung zurückzutreten. Andernfalls wolle er die Einnahmen aus ihrer Übernachtung der Dresdner Synagoge spenden. Die völkischen Volksverdreher haben daraufhin storniert. Wenn ich jemals in Dresden bin, ist das Holiday Inn deshalb ab jetzt für mich das erste Haus am Platz.

Read Full Post »

Older Posts »