Vor gut 2 Wochen hatte sich der Bundestagspräsident Norbert Lammert drüber aufgeregt, dass ARD und ZDF das Zusammentreten des neu gewählten Bundestages nicht ausgestrahlt, sondern auf den eher randgruppigen Phoenix-Kanal ausgelagert hatten. Fand ich übertrieben. Heute nehm ich alles zurück.
Denn Trauerfeiern und Aufbahrungen von Fußballern werden ohne mit der Wimper zu zucken direkt zur besten Sendezeit im Ersten und Zweiten übertragen. Wir sind weit vorangekommen auf dem Weg von der Demokratie zur Ballokratie.
Der größte Skandal ist es aber, wenn ein Fernsehteam der ProSiebenSat1. Media AG noch vor der Witwe an den Bahngleisen steht, in Bild und Ton dokumentiert, wie sie schreiend die Helfer fragt, ob ihr Mann noch lebe, und diese Aufnahmen dann auch 1:1 mehrfachst ausgestrahlt werden. Um dann am nächsten Tag bei der Pressekonferenz der armen Frau auch noch die Tränen einzeln von den Wangen zu filmen.
Es gibt Situationen, da wünscht man sich fürs Zoomen die Todesstrafe. Wenn es sowas wie ethische Produkthaftung gäbe, müsste man den Geschäftsführer dieser Media AG irgendwo auf die Gleise fesseln.




Die Kritik an diesem TV-medialen Schrott unterschreibe ich gerne. Das ist unterste Schublade… Doch apropos: Sich für andere die Todesstrafe wünschen oder die „auf Gleise fesseln“ wollen, steht selbst einem Kabarettisten nicht sonderlich gut zu Gesicht. Dem könnte man doch glatt noch schlimmere Strafen an den Hals wünschen. Amnesty-Aktivisten zum Beispiel… oder einen Auftritt bei Kerner…
Naja. Ich war sauer und wollte eben nicht zum künstlerischen Florett greifen, sondern zum Krummsäbel. Muss erlaubt sein. Trotzdem habe ich im letzten Absatz die Worte genau abgewogen. Wenn ich „in Situationen“ mal was „wünsche“, dann ändert das nichts an meiner generellen Abscheu gegenüber der Todesstrafe. Und der letzte Satz ist ja bewusst im Konjunktiv gehalten.
Mit Kerner zu drohen ist natürlich das Letzte!
Alla gut, ich seh’s ein, das ist vielleicht dann doch ein wenig zu grausam…
Mannomann, da dachte ich, ich hätte die niedersten Auswüchse des sensationsgeilen Betroffenheitsjournalismus im Fall Enke mitbekommen – das mit der Witwe an den Gleisen wusste ich bislang allerdings noch nicht. Dafür fehlen mir die Worte. „Widerwärtig“, „pervers“ oder „hochgradig krank“ sind viel zu schwach.
Allerdings muss ich hier auch mal den moralischen Zeigefinger heben: Mit einem Auftrutt bei Kerner zu drohen, dürfte eigentlich gegen die UN-Menschenrechtskonvention verstoßen.
Ich finde die Sache komplett wiederlich und übertrieben. Gut, Fußball interessiert mich normalerwiese weniger. Wer dieser Enke war wusste ich zu seinen Lebzeiten nicht. Jetzt wird um seinen Tod ein absolutes Gedöns gemacht. Jeden Tag gibt es bei der Bahn ca. 3 „Personenschäden“. Wenn da bei jedem so ein Aufstand wäre, bräuchten wir einen eigenen Fernsehkanal dafür. Andere Frage: Wer sammelt für die Lokführer, die die Toten als erste entdecken?
Herr B., ich bin zu 110% Ihrer Meinung. Warum dieser Enke als Vorbild bejubelt wird, ist mir aus der heutigen Sicht völlig schleierhaft: wenn der Herr seinem Leben ein Ende setzen wollte, warum hat er dann ausgerechnet vor einer Lok? Warum einen der Wege bei denen andere Menschen derart belastet werden?
Soll er im Sinne Hesses dem Vorbild Adalbert Stifters folgen und beim Rasieren verunglücken. Das sieht nicht so scheiße aus und man muss nicht erst den Abschiedsbrief suchen um zu wissen ob es Selbstmord war. Aber nein – zehntausend folgen oder mehr, und kein Aug’ im Zuge, das tränenleer. Einem Matschbällchen. Tolles Vorbild.