Der Alltag eines Kabarettisten birgt viele Gefahren. Erst heute hat mich die Recherche für eine Klangcollage in eine absurde Situation gebracht. Ich betrete meine Stammvideothek und gehe ausnahmsweise in die familienunfreundliche Schmuddelecke.
Die Cover der Filme sind zugleich aussagekräftig und nichtssagend: Es geht darum, primäre, sekundäre und möglicherweise auch tertiäre Geschlechtsmerkmale in möglichst überraschenden Positionen und Anzahlen ins Bild zu halten. Inhaltlicher wirds nicht auf diesen Titelbildern. Was wohl der gekonnt reduzierten Inhaltstiefe der jeweiligen Filme geschuldet ist.
Nach zwei Minuten staunender Kapitulation fasse ich mir ein Herz, gehe zum Chef des Hauses an den Tresen und höre mich tatsächlich sagen: „Ich hätte da mal eine ungewöhnliche Frage. Ich suche zu Recherchezwecken einen richtig schlechten Porno, einen wie früher, wo sie ewig Blödsinn gequatscht haben, wo sie noch so getan haben, als würde es eine Handlung geben, am besten auch noch schlecht synchronisiert, eben richtig scheiße“. Und was sagt dieser unerschütterliche Fels in der Video-Brandung? Sagt er: „Raus aus meinem Laden!“? Nein.
Er deutet mit einem müden Winken in die Schmuddelecke und sagt: „Die sind alle scheiße!“. Dann schlurft er rüber, ich hinterher. Mit dem erschöpften Kennerblick eines depressiven Ornithologen zeigt er auf eine Regalreihe: „Nimm irgendeinen von diesen, aus der Mike-Hunter-Serie, die sind aus den 70ern, da reden sie eine halbe Stunde Blech, bevor es losgeht.“. Und schon ist er wieder hinter seinem Tresen verschwunden, zurückgebeamt wie ein trockener Keks.
Ich bin so verwirrt, dass ich mir eine Hülle schnappe und damit nach vorne gehe. „Nein, ich brauch nicht die Hülle, ich brauch das Schildchen“, sagt der Chef. Anfängerfehler. Wir lachen. Ich bin beruhigt, der Schmuddelornithologe hat mich als Kollegen akzeptiert. Wir sind die erschöpften Chronisten einer zurecht untergegangenen Kultur. Wir sind alte, weise, wissende Männer mit den Sorgenfalten der Abscheu auf der Stirn. Wir machen das nicht zum Spaß, das ist angewandte Archäologie.
Ich hoffe nur, dass beim Zurückgeben, nicht die junge Aushilfe Dienst hat.




„Ich bin Kabarettist und brauche den Porno zu Recherchezwecken“ – DAS ist wirklich mal ein ganz neues Alibi, das haben die Leutchen hinterm Tresen bestimmt noch nicht gehört…
Nur
mehr bring ich nicht!
Ich wünsche Dir viel Spaß bei der jungen Aushilfe. Merke: Peinlich ist nicht das Verhalten der anderen sondern dein Denken.
So. Püh. Der Chef wars persönlich bei der Rückgabe. Da konnte ich mir direkt für die Fachberatung bedanken. Da wurde echt viel geredet, in der alten Hardcoreschwarte. Und auch ansonsten hat man gemerkt, dass es die 70er waren, es kamen unter anderem vor: Körperbehaarung, Kunst und Drogen. Die gute alte Zeit eben
Die Klangcollage, die ich damit gebastelt hab, wird in meinem neuen Programm zu hören sein.