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Archive for Februar 2009

Zahlenspiele

Letzte Woche erst hatte die Vonderleyensursel sich öffentlichkeitswirksam selbst auf die Schulter geklopft für den durchschlagend aphrodisierenden Erfolg ihres Elterngeldes. Zwischen Januar und September 2008 seien 3397 Kinder mehr geboren worden als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die Deutschen hören endlich auf mit dem Aussterben, Fortpflanzung ist Trendsport, die Renten sind sicher. Und schon eine Woche später liegen jetzt die Zahlen für Oktober 2008 vor: fast 8000 Geburten weniger als im Oktober letzten Jahres. Also rapide tote Hose, Fortpflanzung ist alle, volle Überalterung voraus.

Was war denn da im Januar 2008 los, dass uns derartig plötzlich die Lust vergangen ist? Hessenwahl, Vorratsdatenspeicherung und das Ende des Briefmonopols – erstaunlich, wie das anscheinend auf die Libido durchgeschlagen ist. Und ebenfalls erstaunlich, welch Gespür für statistisches Timing die Familienministerin hat. Den kaum öffnet man das Realitätsfenster eine Woche später, macht der Deutsche schon wieder Gebrauch von seinem Zeugungsverweigerungsrecht.

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Talar der Ahnungslosen

Es gibt schon schöne Ausreden. Jetzt “entschuldigt” sich der Pius-Hardliner Richard Williamson für seine Holocaustleugnerei mit der Begründung, diese seine Äußerung sei die eines “Nicht-Historikers, die er sich vor 20 Jahren aufgrund der damals verfügbaren Beweise gebildet” habe. Lassen wir mal die Frage außer Acht, in welchem Kohlenkeller Williamson vor 20 Jahren gefangen war, um bloß nicht an bessere Beweise zu kommen.

Freuen wir uns auf weitere Eingeständnisse, die sich ergeben, wenn man ihn weiterhin zwingt, sich der Realität und Gegenwart anzunähern. Wird er sagen, die Behauptung, Frauen, die gut brennen, müssten wohl Hexen sein, sei die eines “Nicht-Frauenverstehers auf Basis der Informationen, die vor 350 Jahren zur Verfügung standen”. Und seine Vermutung, die Erde müsse eine Scheibe sein, sei die eines “Nicht-Irdischen auf Basis von 500 Jahre alten Erkenntnissen”. Wir Nicht-Kleriker auf dem Stand von 2008 wissen, was von ihm zu halten ist.

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Banken und Unternehmen werden ja zurzeit gerne mit Milliarden Staatsknete gerettet, wenn sie “systemrelevant” sind. Also wenn ohne sie das System zusammenbräche. Das jetzt schon nicht funktioniert. Das eigentlich sein verdientes Ende erreicht haben könnte. Systemrelevante Firmen in der Systemkrise auf Steuerzahlerkosten zu retten, ist wie wenn ich dem Junkie den Stoff bezahle, weil sonst der Drogenhandel zusammenbricht.

Das scheint die letzte tief verankerte Religion zu sein: Der Glaube ans System. Und führe uns nicht in die Systemkritik … Gibt es außerhalb des Systems nichts, was relevant wäre? Die Welt ist systemtechnisch wohl immer noch eine Scheibe. Jedenfalls systematisch keine runde Sache.

Ich glaub, ich druck mir für den Sommer ein T-Shirt mit dem Aufdruck: “Ich bin systemrelevant!”. Sicher ist sicher.

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Gerüchteweise arbeitet Andrew Lloyd Webber derzeit an einem neuen Musical ganz in der Tradition seines Erfolgshits “Evita”. Inspiriert von der Schaeffler-Krise soll es den Titel “Maria-Elisabeth” tragen. Bereits fertig geschrieben ist die große Szene vor dem Werkstor, in der die Titelheldin unter Tränen singt: “Weint nicht um mich, Belegschaft!”.

Musikalisch will Lloyd Webber ganz im Geiste von Continental “mehr Gummi geben”. Ebenfalls schon aus der Feder geflossen ist ihm die anrührende Ballade, deren Titel ein Originalzitat der portraitierten Geschäftsfrau ist: “Mein Mann hat mich so erzogen”. Es handele sich dabei um eine “eher traditionelle Melodie”, so der Komponist, der das neue Werk als “wie Evita nach der feindlichen Übernahme” beschreibt.

Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ist er in intensiven Verhandlungen über Millionenzuschüsse, mit denen er Hunderte von Arbeitsplätzen im musicalverarbeitenden Gewerbe sichern will.

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Aufatmen im wirtschaftlich interessierten Kinderzimmer: Märklin ist pleite, aber immerhin geht es Lego gut! Trotz globaler Finanzkrise macht die Firma mit den bunten Bausteinen Rekordumsätze. Wahrscheinlich, weil von Lego so ein grundsolides Gefühl produktiver Konstruktivität ausgeht. Und weil Eltern hoffen, dass Kinder, die schon früh Stein auf Stein gesetzt haben, später einen vernünftigen Beruf erlernen und nicht als Broker mit Luftnummern jonglieren. Bodenhaftung durch Grundplatte.

Gibt es eigentlich einen Lego-Bausatz “Börse”? Stell ich mir toll vor, mit einem großen Fenster, aus dem Geld rausgeworfen wird, mit Milliardensteinen statt Einersteinen und mit lauter kleinen Männchen, deren Mundwinkel nach unten zeigen. Das wäre genau die pädagogische Subtilität, auf die ich im Moment am meisten Lust hätte.

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Gestern Abend, Anne Will, Thema “Lohnt der Kampf um jeden Arbeitsplatz?”, zu Gast sind Politiker, ein Unternehmer, ein Journalist und Ralf Möller. Ja, der Schauspieler und chronische Schwarzenegger-Imitator. Ist der in dieser Runde eine krasse Fehlbesetzung, eine Laune der einladenden Natur, ein personifizierter Kessel Buntes? Oder wird er da gezielt eingesetzt?

Ich habe einen Verdacht. Da kann es eigentlich nur eine Lösung geben: Die INSM, diesen neoliberalen Thinktank und Öffentlichkeitsunterwanderer. Und was soll ich sagen? Einzwei Klicks und ich habe den Beweis. Ja, der Muskelmann ist undercover im Propagandaeinsatz der Staat-raus-Privatwirtschaft-rein-Bande, die nicht müde wird, Sozialabbau zur Eigenverantwortung umzudeuten.

Und blöder als Möller könnte man das kaum tun. Gleich zu Beginn vertritt der den tollen Leitsatz, man müsse immer einmal mehr aufstehen als hinfallen. Und wer am Ende tatsächlich mal ohne Job sei, der solle auf alle Fälle erst mal ins Fitnessstudio. Motto: Mach dich fit fürs Aufdiefressefliegen, helfen wird dir keiner. Alles Möller, oder was?

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Auf seiner Homepage hat Karl-Theodor zu Guttenberg Laminat als Hintergrundbild verlegt. Oder sind es die Bretter vorm Kopf? Jedenfalls ist es ein etwas bemüht-stylischer Versuch, Bodenständigkeit zu demonstrieren.

Nach von der Leyen jetzt auch noch zu Guttenberg, Adel ist in. Zumindest in der Regierung. Gerüchteweise denkt der Kanzlerkandidat der SPD (nachdem das coole Weglassen seinen zweiten Vornamens als uncool aufgefallen ist) darüber nach, sich umzubenennen zu Frank-Walther von der Steinweide.

Der Wirtschaftsminister hat übrigens keine Wirtschaft studiert, das qualifiziert ihn, da hat er einen freien Kopf. Die Bildzeitung weiß persönliche Details: zu Guttenberg jagt, spielt Klavier und ist mit Tom Cruise bekannt, seit er ihn für die Valkyre-Dreharbeiten beraten hat. Denn die zu Guttenbergs gehörten seinerzeit zum adeligen Verschwörerkreis.

Macht uns Karl-Theodor jetzt den Wirtschaftsstaufenberg? Oder wird er in Talkshows irre übers Sofa hüpfen? War seine Nominierung ein cleverer Schachzug, mit dem die Union sich Stimmen der FDP-Wähler zurückholen will, die ihn wählen, weil sie ihn rein äußerlich irrtümlich für einen Liberalen halten?

Und wieso ist jetzt ein Schnösel wie aus dem “Gute Zeiten, Schlechte Zeiten”-Bilderbuch Minister? Sind die Zeiten so schlecht, oder geht´s uns zu gut? Fragen über Fragen, aber eines ist klar: Virtuelles Laminat hilft da nicht wirklich.

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