Als ich das letzte Mal in Gesellschaft EM geschaut habe, sind bei der Hymne glatt alle aufgestanden. Also alle, außer mir. Ich hatte grade so einen schönen Sitzfluss, den ich nicht unterbrechen wollte. Auf die fragenden Blicke, warum ich mein Vaterland mit einer Couch betrüge, lautete meine Erklärung: “Ich war Zivi, ich darf nicht”. Den Rest des Abends konnte ich mich gut aufs Spiel konzentrieren, ohne dass irgendeine Konversation dazwischen gekommen wäre.
Für heute Abend (als trautes gemischtes Doppel auf dem Sofa, ich mit Radler, sie mit Eierlikör, beide mit Chips) erwarte ich ein spannendes Spiel, in dem die Türken fighten und die Deutschen kraftvoll und engagiert aufspielen. Für danach wünsche ich mir, dass bei den türkischen Freuden-Schüssen in die Luft keine unschuldigen Passanten in der Luft sein mögen, und dass die deutschen Nazis, die sich schon auf Krawall freuen, zu völkisch-volltrunken sind, um ihre Baseballschläger zu finden. Wie es ausgeht? 2:1 natürlich. Für die Guten. Wie immer. Ich melde mich!
…
Fußball können sie nicht, aber Tore schießen. Wichtig ist im Netz. Ich hatte Spaß, so mag ich Fußball: Es gab einen Flitzer, es wurde geblutet und es gab einen famosen Bild- und Tonausfall. Minutenlang nix zu sehen und zu hören. Ich hab mir schon vorgestellt, dass es plötzlich weiter geht und 7:3 steht, während man sieht, wie Jogi Löw mit Ketten an die Trainerbank gefesselt ist.
Zum Glück war nix Wichtiges während der Panne. Das erste wieder auftauchende Bild war Metzelder, Bela Rethi sagte “Jetzt sehen sie einen Mann mit Bart, das heißt, das Bild ist wieder da”. Ich dachte, das heißt “Ja ist denn schon wieder Weihnachten?”. Ist ja auch – Finale! Vielleicht werden wir Tor-Europameister. Ganz eventuell sogar Fußball-Europameister. “Keine Struktur im Spiel, aber Moral bewiesen”, so fasst der Trainer den Abend zusammen. Wir sind Killerknete, Arbeiteramöben, Terminatorenwackelpudding, Kampfgrütze.





Schade – ich hatte mich schon auf ein Finale Russland (wobei die erst noch gegen Spanien gewinnen müssen) gegen die Türkei gefreut – nicht nur zwei Teams, die zu Beginn der EM keiner auf dem Zettel hatte, sondern zwei Länder, die geografisch überproportional Flächen außerhalb
Europas besiedeln. Ein Hauch von Asienmeisterschaft…
Dann hätten wir zwei uns aber das Finale bei unserem Inder angeschaut, Klucke!
Wo ich mir das Spiel ansah, standen die anderen auch bei der Hymne auf. Die Gelegenheit habe ich genutzt, um mir schnell einen Sitzplatz zu ergattern. Weg gegangen, Platz vergangen.