Ich weiß: Meine Leser haben natürlich wichtigeres zu tun (Die Linke! Der Streik! Die Bahn!) als den deutschen Vorentscheid zum European Song Contest zu gucken. Ich aber bin daheim. Und kann nicht anders, ich guck. Und werde es mir nicht nehmen lassen, von Zeit zu Zeit live zu bloggen. Ich find den Vorentscheid ja schöner als das internationale Finale. Ist so herrlich deutsch. Wer sind wir, wer wollen wir sein und wie soll die Welt uns sehen? Ich hol mir mal ne Limo, guck Tagesschau (Die Linke! Der Streik! Die Bahn!) und dann wollnmama!
20:15
Jens Riewa grinst so beim “Guten Abend”-Sagen. Der freut sich auch schon.
20:22
Thomas Hermanns moderiert zuverlässig euphorisiert, als Warmup gibt es einen Siegerinnen-Mix der letzten Jahre, Trommeln, Blondinen und Ostlesben. Die gute Nachricht: Georg Uecker ist nicht dabei! Dafür Pocher, man kann nicht alles haben.
20:30
Haha! Frau Ebstein besteht darauf, gedutzt zu werden, da muss er durch, der Hermanns. Jetzt singt er Johnny Logan. Da muss sie durch, die Ebstein. Alle bekommen einen Karaoke-Anfall, die Show droht in Richtung Kindergeburtstag zu kippen. Stoppt die Quatschcomedy, lasst die Sänger ran, bitte! 20 Minuten sind rum, ohne dass es Ernst geworden wäre.
20:40
Marquess singen ihren Titel “La Histeria”. Ist aber nur halb so hysterisch wie die Show bis jetzt. Wirkt wie die Tanzkapelle auf der Aida. Kommt mir spanisch vor. Aha, isses wohl auch. “Ohohoh” sind die letzten Worte des Textes und das entspricht zimelich genau meiner Bewertung. Pocher ist Pate des Songs, passt. Das ganze ist so spanisch und hysterisch wie eine Tiefkühlkostpaella.
20:46
Tommy Reeve singt “Just one Woman”. Als Backgroundchor hat er aber vier. Ja wie jetzt? Singt gut, schöner Soulpop, aber zu defensiv mit der Aura eines melancholischen Fußballers aus der B-Jugend. Gutes Handwerk, prima Falsettgesang, “ganz schön schwere Noten” sagt Thomas Hermanns. Kann man schicken, wird aber nix gewinnen.
20:53
Manga-Alarm. Cinema Bizarre mit “Ever or never”. Sehen prima aus mit einem Chinchilla am Mikro und Riffraff an den Keyboards. Bis zum Refrain ist alles cool, dann kackt der Gesang ab. Stylish und leicht schwul – haben wir sowas schon mal losgeschickt in den Contest? Warum eigentlich nicht? Darum: Das ist mehr Makeup als Musik, leider. Wird nix. “Wenn ich Söhne hätte, sollten sie so aussehen”, sagt der Moderator. Ja. Sicher.
20:59
Carolin Fortenbacher mit “Hinter dem Ozean”. Das ist praktisch Pe Werner auf einer Überdosis Lloyd Webber. Großer klassischer Grand Prix, brutal einfache, aber funktionierende Refrain-Melodie, geballte Musical-Faust, die Haare wehen titanesk, Musik zum Schiffeversenken. Gut und ohne jede Überraschung. Ralph Siegel wird vorm Fernseher geweint haben. Katja Ebstein “Ich hab nix mit dem Militär zu tun, aber das war granatenmäßig”. Kurz hatte ich Angst, die Ebstein singt jetzt was von Brecht. Uff.
21:06
Die No Angels haben eine serbische Oma, das ist natürlich ein Argument. “Disappear” nervt mit etwas plärrigem Satzgesang im Refrain, ist aber in den Strophen ganz angenehm. Die 4 schmeißen relativ viel Personality in die Performance, eigentlich besser, als ich erwartet hatte. Wenn die in Osteuropa noch genug Fans von Früher haben, könnte das klappen. Gähn.
21:11
Schnelldurchlauf. So beim Querhören klingt die Fortenbacher irgendwie am zupackendsten. Die androgynen Frettchen und die Schrebergartenlatinos fallen ab. Cinema ist zu bizarre. Und die Angles haben Ostmafiaconnections. Es darf angerufen werden. Womit füllen sie jetzt die Zeit bis zum Ergebnis? Hoffentlich nicht mit Pocher.
21:27
Nein, es ist Roger Cicero. Kommt mir im Vergleich erstaunlich originell vor. Bigbandsound ist ja immer schön, volles Rohr und so.
21:35
Fortenbacher und No Angels sind die Sieger und treten nochmal im Voting gegeneinander an. Spannend ist das jetzt nicht mehr. Das deutsche Schagerschicksal nimmt seinen Lauf. “Beide Acts haben die Windmaschine benutzt” sagt Hermanns. Das war sicher bei beiden Acts das Originellste. So hat sich der ganze Abend entwickelt: Vom Kindergeburtstag zum Konfektionspopschmalz. Ich glaub, ich werd kangsam zu alt für kultige Songcontestfernsehabende… Am schönsten war der deutsche Vorentscheid immer, als es noch richtige Tiefpunkte gab, Slatko, Mooshammer, Scooter.
21:54
Endgültig gewonnen haben die No Angels. Es gibt wichtigeres (Die Linke! Der Streik! Die Bahn!).





Darf ich mal nen bisschen Lobhudeln? Großartig livegebloggt! Hat mir die Show im wahrsten Sinne des Wortes echt versüßt! Im Mai bitte wieder!
Grüße,
BN
“Grand Prix” Vorentscheid: Wer darf zum Eurovision Song Contest?
Wenn es eine Veranstaltung gibt, die den deutschen Patriotismus selbst im fundamentalistischsten Kosmopoliten in Wallung bringt, ist das neben der Fußball-WM im eigenen Lande nur der Eurovison Song Contest, ehedem Grand Prix d´Eurovision de la C…
Ich glaube, der Song der No Angels ist der erste in der Grand-Prix-Geschichte, der mit einer einzigen Harmonie auskommt. Ist bestimmt das Resultat einer Wette…
@fragezeichen: Ich glaube, es sind zwei. Und im Refrain kommt noch mal eine halbe dazu. Der ist kompositorisch fast schon etwas überambitioniert
Wenn es zwei sind, wurde die zweite geschickt kaschiert
Immerhin kommen sie auch ohne die berühmt-berüchtigte Rückung aus (Wiederholen des Refrains eine Note höher).